Sonntag, 21. November 2010

Ewalds Tod


Kaj Munk

Ewalds Tod

1943


 


deutsch von Paul Gerhard Schoenborn ©
2010



-o-O-o-





Viribus unitis

(Mit vereinten Kräften)
Einleitung

Am 18. November 1943 fand zu Ehren des dänischen Dichters Johannes Ewald, der auf den Tag genau vor 200 Jahren geboren war, im Königlichen Theater in Kopenhagen eine Gedenkveranstaltung statt.

Mit Johannes Ewald (* 18. November 1743 in Kopenhagen; † 17. März 1781 in Kopenhagen) begann die neuere Periode der dänischen Literatur. Er wurde als der Sohn eines streng pietistischen Pfarrers geboren, kam früh verwaist in die Domschule zu Schleswig, entlief eines Tags aus Liebe zur Freiheit dem pedantischen Schulzwang und begann 1758 in Kopenhagen Theologie zu studieren. Aus Abenteuerlust trat er aber bald hernach zu Magdeburg in ein Infanterieregiment ein, desertierte hier, wurde österreichischer Tambour, dann Unteroffizier und nahm an mehreren Gefechten 1759-60 teil, entwich aber wiederum und kehrte nach Kopenhagen zurück, wo er seine theologischen Studien fortsetzte.
Eine unglückliche Liebe zerrüttete sein inneres Leben und prägte seinen Dichtungen den Charakter der Schwermut auf. Die allegorische Erzählung „Lykkens Tempel“ („Der Tempel des Glücks“), welche die Gesellschaft für die Förderung der schönen und nützlichen Wissenschaften 1764 veröffentlichte, fand großen Beifall; mehr noch sein Trauergedicht auf den Tod Friedrichs V (1766), worin er eine große lyrische Kraft entfaltete. Unter den Dichtern, die er studierte, sprachen ihn an meisten Molière und Klopstock an; namentlich der letztere übte eine gewaltige Einwirkung auf die Entfaltung seines Dichtertalents, wie insbesondere das biblische Drama „Adam og Eva“ (1769) beweist.
In der Dichtung „Fiskerne“ („Die Fischer“), einem dramatisierten Bild vom Leben der Küstenbewohner, kommt das Lied „Kong Kristian stod ved højen mast“ („König Christian stand am hohen Mast“) vor, das nachher zum beliebtesten Nationallied der Dänen wurde und heute die dänische Königshymne ist. Sein letztes Lied war „Udrust dig, Helt fra Golgatha“ („Rüst dich, du Held von Golgatha“). Nach langen und schweren Leiden starb er kaum 38 Jahre alt. Dass er der neueren dänischen Poesie, welche sich mit Öhlenschläger entfaltete, die Bahn brach, hat dieser in mehreren seiner schönsten Gedichte („Ewalds Grab“) dankbar anerkannt. Seine Sprache ist rein und klar.
Nach Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage von 1888–1890 und dem darauf basierenden Wikipedia-Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Ewald.


Man gab Johannes Ewalds Singspiel „Fiskerne“ („Die Fischer“) mit so prominenten Schauspielern wie Poul Reumert und Preben Lerdorf. Als Epilog spielte man einen modernen Einakter mit dem Titel „Ewalds Død“ („Ewalds Tod“). Als dessen Verfasser las man auf dem Theaterzettel den Namen des Mannes, der auch als Regisseur fungierte: Holger Gabrielsen. Die Rollen dieses Stücks und ihre Darsteller waren:

Ewald – John Price
Madam Schou – Clara Pontoppidan
Doktor Esmarch – Johannes Meyer
Pastor Schönheyder – Thorkild Roose
Arendse – Bodil Kjer.
Der Westermann-Verlag in Kopenhagen verschickte wenige Wochen später den Text in einer bibliophilen Kleinauflage (250 nummerierte Exemplare – noch heute eine gesuchte Rarität!) als Weihnachtsgabe an seine Freunde - wieder mit dem Verfassernamen Holger Gabrielsen.

Eingeweihte wussten aber, dass der wahre Verfasser von „Ewalds Død“ Kaj Munk hieß, über den die dänische und deutsche Zensur ein Veröffentlichungsverbot verhängt hatten und dessen Schauspiele nirgendwo, erst recht nicht im Königlichen Theater gespielt werden durften. Aber man umging in jenen Tagen die Verbote elegant und subversiv, eben „viribus unitis“, „mit vereinten Kräften“, wie es das Motto sagt, das dem gedruckten Text vorangestellte wurde. Allen Beteiligten - den miteinander befreundeten Kaj Munk und Holger Gabrielsen an der Spitze – war es eine patriotische Ehrensache, auf diese Weise den großen Johannes Ewald zu ehren.

Im Subtext des Einakters liest der Kundige vieles über das, was den Christen und den Dichter Kaj Munk beseelte, vor allem seine Liebe zum Leben und zu Gottes wunderbarer Schöpfung. Man erkennt auch die Glaubensparadoxien, zu denen er stand: sogar für Versuchung und Sünde, ja für den Teufel darf man Gott dankbar preisen. Und man vernimmt sein Bekenntnis zu Jesus von Nazareth, dem „Helden von Golgatha“, welches ihn mit Johannes Ewald verbindet.
Vor allem aber, und das werden die damals Anwesenden genau verstanden haben, erging durch den Höhepunkt des Schauspiels eine authentische Kaj-Munk-Botschaft an das besetzte Dänemark und die verzagten Dänen: Ermannt euch, schart euch um euren König, haltet aus, seid nicht nur nett zu den Besatzern, sondern widersteht, denn unser Land wird wieder frei. Lise und Kaj Munk saßen übrigens unter den Zuschauern.

Meiner Übersetzung liegt der dänische Text der Kaj Munk Mindeudgave, Band: „Egelykke og andre Skuespil“, Seite 303 - 312, Nyt Nordisk Forlag Arnold Busck, Kopenhagen 1949, zugrunde. Arne Munk und Søren Daugbjerg danke ich herzlich für kritische und hilfreiche Durchsicht.

Die deutsche Nachdichtung des berühmten Liedes von Johannes Ewald „Udrust dig, Helt fra Golgatha“ habe ich – leicht modifiziert - übernommen aus der Munk-Biographie von Alfred Otto Schwede „Verankert im Unsichtbaren – Das Leben des Kaj Munk“, Berlin 1970, Seite 282. Dieses Lied erklang auch bei der Beisetzung des Märtyrers Kaj Munk am 8. Januar 1944 in Vedersø.
Personen

Johannes Ewald
Madam Schou, Haushälerin
Doktor Esmach
Pastor Schönheyder
Arendse
In Johannes Ewalds Stube

Madam Schou So, jetzt kriegt Herr Ewald sein Kissen in den Rücken. So. Soll
es noch ein bisschen höher sein?. Gut so? Und jetzt trinkt er seinen Saleptee, nur ein, zwei drei schnelle Schlucke, dann schmeckt Herr Ewald kaum etwas davon, ja genau so, ja so. Nun ist Herr Ewald wieder ganz gut dabei. Dann richten wir jetzt mal Herrn Ewalds Bett, und Herr Ewald sitzt derweil schön ruhig. Nun haben wir auch die Kissen wieder richtig aufgeschüttelt, und nun stimmt alles wieder. Meint Herr Ewald nicht auch, dass es ihm jetzt besser geht?
Ewald Besser? Was meint sie mit „besser“? Mir fehlt nichts. Das weiß sie doch
gut. Ich habe nur ein wenig Schnupfen. Das ist alles. Das ist morgen vorbei. Was sagt nicht mein Dichterbruder Wessel:

Darf ich die Abendpost belästigen
mit einem Anti- Keuchhusten-Rezept?
Stoß tüchtig Nelken am Morgen klein,
tu alles in’s Bier und trink es aus.
Wenn du dich dann nicht bis zum Abend
wieder so fühlst, als ob nie was gewesen wär,
dann kannst du allenfalls sagen:
Herr Doktor, es war nichts mit ihrem Trank.

Hör’ sie doch auf, dazustehen und mich anzuglotzen, als ob ich eine Kuh wäre, die geschlachtet werden soll.
Madam Schou Ich habe jetzt nicht geglotzt, Herr Ewald.
Ewald Sie hat aber doch geglotzt. Ha, diese mitleidigen Blicke - und dahinter
denkt sie: „Wie gut, dass ich es nicht bin, der dabei ist, einen Platz in dem Kahn zu bekommen. Ich sage ihr, mir fehlt nichts. Ich bin in Ordnung. Ich bin vollkommen in Ordnung.
Madam Schou Wenn Herr Ewald es so will, dann sagen wir auch: Der Herr
Ewald ist vollkommen in Ordnung
Ewald Kommt er denn nicht? Glauben Sie, der Pastor Schönheyder kommt
                 nicht?
Madam Schou Wenn Pastor Schönheyder versprochen hat, am Nachmittag zu
Herrn Ewald zu kommen, dann kommt Pastor Schönheyder am Nachmittag auch zu Herrn Ewald. Pastor Schönheyder ist ein rechtschaffener Diener des Herrn. Auf Pastor Schönheyder kann man so sicher bauen wie auf des Herrn eigenes Wort.
Ewald Ich muss etwas mit ihm besprechen. Mein nächstes Schauspiel soll über
den Herrn und seine Apostel gehen. Aber mein Griechisch … ich habe zuviel von meinem Griechisch vergessen. Da gibt es Stellen im Novum Testamentum, bei denen soll mir Pastor Schönheyder helfen … Ach, Gott sei gepriesen, da haben wir ihn … … Aber, aber was wollen Sie denn hier? Ich habe nicht nach einem Arzt rufen lassen. Ist das schon wieder sie, der ich diesen Karnevalsscherz zu verdanken habe?
Esmach Der Dichter sollte alles ganz ruhig betrachten. Es gibt niemanden, der
mich hat rufen lassen. Ich kam zufällig hier vorbei. Und da fiel mir ein, mal bei Ihnen hereinzuschauen.
Ewald Haben Sie in Ihrem Arzneischrank die eine oder andere Pille, die den
Gestank von Lügen beseitigt? Weshalb lügen Sie so? Wozu sind Sie gekommen? Niemand braucht einen Arzt weniger als ich. Ich habe vormittags an dem Tisch dahinten gesessen und an einem Gedicht gearbeitet. Ich werde es Ihnen vorlesen. … … Nein, nein, bleiben Sie weg von meinen Papieren, ich finde es schon selbst.

Er versucht, sich zu erheben. Beim zweiten Versuch gelingt es ihm. Von Gicht gekrümmt schleicht er über die Dielen, gelangt tatsächlich zum Tisch, vergisst dann aber das Gedicht, geht zurück und an seinem Lehnstuhl vorbei, stolpert durch das Zimmer, wirft sich dann wieder in seinen Lehnstuhl, wobei er ein Stöhnen unterdrückt.

Ewald Lass sie mich mit dem Doktor allein. Ich will … was war es noch, was
                 ich wollte … ich will ihm mein Gedicht vorlesen.
Madam Schou Herr Ewald braucht nur mit dem Stock auf die Dielen zu
stoßen, wenn Herr Ewald mich braucht. Dann bin ich im Handumdrehen wieder hier. (hinaus)
Ewald Ja, ja, das ist gut so, ist gut.
Esmach Soll ich nicht Ihre Brust abhorchen, wo ich nun schon einmal hier bin?
Ewald Sie können mir die Brust und meinetwegen auch den Steiß abhorchen,
                 Doktor Esmach. Sie können mit mir machen, was Sie wollen.
Esmach Holen Sie bitte tief Luft … noch einmal … und noch einmal. Ja, so.
Danke.
Ewald Da ist nichts, oder?
Esmach Keine Spur. Soweit ich hören kann. Das ist das, was ich immer sage: Es
ist nur die Verpackung, die uns etwas Probleme macht. Der Inhalt aber ist in gutem Zustand.
Ewald Glauben Sie, dass ich noch vor Abend sterben werde?
Esmach Aber wie kommt der Dichter denn auf so etwas?
Ewald Nein, wie kommt der Dichter denn auf so etwas? Das ist ja ganz
unmöglich. Er ist ja doch erst siebenunddreißig Jahre jung. In dem Alter stirbt man doch nicht. Hahaha, Sie glauben, ich hätte Angst vor dem Tod. Ich war fünfzehn, als ich von Zuhause ausriss und in fremde Kriegsdienste eintrat. Ich hatte niemals Bange vor etwas. Aber hier drinnen, nicht wahr, hier ist doch etwas, nicht wahr. Sie verstehen, was ich meine?
Esmach Natürlich tu ich das.
Ewald Natürlich tun Sie das nicht. Sie stellen mich nur mit Ihren Medikamenten
ruhig. Sie glauben, der Tod bestünde aus Fleisch, das steif wird, und Blut, das gerinnt. Mensch, Mensch, wenn es nur das wäre! Aber hier drinnen … hier wimmelt es von Rhythmen, von Reimen und Klängen, von Bildern, Menschen, Schicksalen … Welten, die zusammen mit mir sterben.
Esmach Der Dichter sollte nicht so viel sprechen.
Ewald Ja, der Dichter soll still schweigen, er soll ganz still und ruhig werden … es
                 gibt keine Grenze dafür, wie still er in Kürze sein wird.
Esmach Es gibt gar keinen Zweifel darüber, dass der Dichter sich wieder erholen
wird. Große Werke wird der Dichter seinem erwartungsvollen Volk noch schenken. Nur jetzt erst einmal vollständige Ruhe, und jede Stunde eine Tablette von denen, die ich hier auf den Tisch stelle. Und der Dichter lässt ja auch den Alkohol völlig weg.
Ewald Aber gewiss doch, den rühr ich nie mehr an.
Esmach Dann wird der Dichter schon sehen. Nur das Herz schonen. Und keine
künstlichen Stimulantien. Dann wird es schon so gehen, wie es gehen soll. Ich schaue auf dem Rückweg noch mal herein. (hinaus)
Ewald (setzt sich schwankend auf ) Ja, ja, ja.

Er horcht, steht unter Schmerzen auf, kriecht mehr, als dass er geht, zum Bett hin, lauscht wieder, sucht hastig darin, findet endlich eine Flasche, genehmigt sich einen hastigen Schluck. Schritte von draußen, er will die Flasche verstecken, aber er verliert sie, während er fällt.

Madam Schou Aber, aber Herr Ewald … Haben Herr Ewald mir nicht
versprochen … Wo kriegt Herr Ewald nur immer noch dieses Zeug her? Herr Ewald weiß doch, dass er das nicht mehr vertragen kann. Kommen Sie nun mal, Herrgott noch einmal, lieber Herr Ewald, nun kommen Sie mal. (bugsiert ihn wieder auf die Bettkante)
Ewald Ich bin so müde, so todmüde, und die Schmerzen wüten in meinen
                 Gliedern wie eine Säge.
Madam Schou Will Herr Ewald jetzt nicht lieber doch ins Bett?
Ewald Ich möchte so gerne … wieder dort hinten auf den Lehnstuhl… den
Sonnenuntergang sehen … wenigstens noch einmal. Was glaubt sie, wie viel Schritte es bis zu dem Stuhl sind?
Madam Schou Ich schätze sieben.
Ewald Sieben! Das sind viele. Sollen wir aufbrechen … aufbrechen zu dieser
gewaltigen Reise … über den Bach springen … der ist nicht breiter, als dass man es mit zwei Sätzen schafft. War ich … war ich eben hässlich zu ihr?
Madam Schou Schnickschnack, Herr Ewald. Das haben wir doch schon lange
                 vergessen. Was sagt ein armer Mensch nicht alles, wenn er gefoltert wird?
Ewald Besäße ich nur ein paar Liegenschaften, dann sollte sie die alle erben, ganz
bestimmt. Aber ein Gedicht kann ich ihr zu ihrem Geburtstag schreiben, ein richtiges Dichtergedicht. Einen ganzen Monat werde ich daran arbeiten. Es soll so ein Gedicht werden, dass der König bitten wird, es lesen zu dürfen.
Madam Schou Danke, danke. Ich weiß ja, Herr Ewald ist so gut. Und ich bin
auch sehr dankbar für solch eine große Ehre. Aber ich möchte ja lieber, dass Herr Ewald in der Zeit, die ihm noch verbleibt, mit der Pichelei aufhört.
Ewald Pichelei nennt sie das. Eine Närrin ist sie, sie hat von nichts eine Ahnung.
sie weiß nicht, dass Gott in der Flasche wohnt. Geb sie mir die Flasche! Hör sie! Na los! (Madam Schou ringt die Hände, aber sie traut sich nichts anderes und reicht ihm die Flasche mit dem kleinen Rest, der noch nicht ausgelaufen ist.) Wenn ich die zum Munde führe, ist es Gott selbst, der meine Zunge küsst. Ihre Hitze ist die Flamme des Heiligen Geistes in mir. Der feuert mich an, die ewigen Werke zu schaffen, die mich zum Größten unter meinen dänischen Zeitgenossen machen. Wenn ich voll war, während ich lebte, will ich auch voll in meinen …

Er hält inne, sein Mund bleibt offen, seine Hände sinken herab. Pastor Schönheyder tritt ein.

Madam Schou Ach Herr Jemine!
Pastor Schönheyder Du hast nach mir schicken lassen, Johannes Ewald. Ich
höre und sehe, Du bist dabei, Dich auf den Empfang des Sakraments vorzubereiten.
Ewald Pastor Schönheyder, Ihr versteht ja überhaupt nichts. Aber ich hoffe, dass
                 Gott mich versteht. Deshalb habe ich nach dem Abendmahl schicken lassen.
Pastor Schönheyder Aber Du wirst es nicht bekommen. Ich verweigere es Dir.
Ewald Verweigert … verweigert Ihr … Pastor Schönheyder, ich bin krank,
                 ich bin auf den Tod krank.
Pastor Schönheyder Das weiß ich. Um so entsetzlicher ist, dass Du Dich auch
in der elften Sunde Deines Lebens der Sünde hingibst, die Dein Leben verdorben hat. Du gibst an mit hochmütigen Worten über den Größten aller Dänen, anstatt Dich unter die gewaltige Hand Gottes zu demütigen. Wenn Du die Wahrheit über Dich noch immer nicht kennst, so will ich sie Dir jetzt sagen. Mit zerbrochenen Gliedern und kraftlos liegst Du hier und wirst in der Blüte deiner Jahre sterben.
Ewald Und warum muss ich das? Was hat sich Gott dabei gedacht, mich erst zu
dem höchsten Ziel zu berufen und mir dann die Kräfte zu versagen, mit denen ich es erreichen kann, und mich gerade jetzt von dem Werk wegzureißen, wo ich die Reife erlangt habe, damit zu beginnen?
Pastor Schönheyder Du wagst es, Gott die Schuld dafür zu geben, dass Du
selbst Deine Gesundheit in Ausschweifungen und Verrücktheiten ruiniert hast und damit Deinen frühzeitigen Tod herbei rufst?
Madam Schou Pastor Schönheyder sollte Herrn Ewald nicht das Sakrament
verweigern. Herr Ewald ist doch kein schlechter Mensch. Er ist doch hoch begabt und …
Pastor Schönheyder Ja freilich. Er war geschaffen zu einem Gefäß der Ehre.
                 Aber er hat sich selbst zu einem Gefäß der Unehre gemacht.
Ewald Ihr seid nicht der Richter über mich und mein Werk. Alle sagen, dass ich
                 der größte Dichter meines Volkes bin.
Pastor Schönheyder Das behaupten Schmeichler von der blendenden
Scheinwelt des Theaters. Was gilt deren Lobhudelei gegenüber dem Gericht der Wirklichkeit. Ja, Du hast von Mut und großen Taten gesungen, aber selbst bist Du ein Stümper ohne Mumm in den Knochen. Was helfen die hohen Worte, wenn das lebende Beispiel alles wieder niederreißt? Einige schöne Gedichte sind Dir tatsächlich gelungen, ich weiß das, denn ich schreibe selbst auch Gedichte. Aber hinter den Versen steht kein richtiger Mann. Und darum wird auch nicht eine einzige Zeile von Dir bis zur nächsten Generation überleben.
Madam Schou Aber Herr Ewald hat immer ein gutes Herz gehabt, so ein gutes
                 Herz, meine ich.
Pastor Schönheyder Sie muss verstehen: Nicht ich bin es, der ihm das
Sakrament verweigert. Es ist das Wort des Herrn. Ein Sünder, der nicht Reue zeigt, ist unwürdig, Christi Fleisch und Blut zu empfangen.
Ewald Ich habe keine Kräfte, Euch zu widersprechen. Es kann sein, dass Ihr
recht habt. Ein vergeudetes Leben, ein unnützer Tod, schreibt das auf meinen Grabstein. Aber das weißt Du ja, Gott, ich habe Dich geliebt … Dich geliebt in Deinem schönen Schöpferwerk … in diesem reichen Leben, so reich, dass man nie genug davon kriegen kann, selbst wenn es erbärmlich ausfällt. Ich habe Dich geliebt in der Väter Geist, in der Sprache Wohlklang, in der Erscheinungen Flug. Ich war so stolz, auf ein altes Volk hören zu können, das groß war in Sieg und in Gram. Und dann der Buchenwald, wo die kleinen Sänger nisten und zwitschernd ihr Nest verraten …

Großer Gott, Du weißt, ich habe Dich geliebt in der gewaltigen See und in
der kleinen Blume, in den Tausenden von Wundern Deiner Schöpfung. Ich habe Dich geliebt in Deiner Kirche Mysterien, in Taufe und Nachtmahl und Gebet, und in Deiner Welt Mysterien, im Kriegsgetümmel und in der Liebe. Selbst in der Sünde habe ich Dich geliebt, Herr mein Gott, denn auch die hast Du erschaffen in Deiner unermessenen Allmacht und Weisheit, selbst im Satan habe ich Dich geliebt, denn er gab mir die Sinne, mit denen ich Dich verherrlicht habe.
Pastor Schönheyder (weiß im Gesicht) Hör auf! Das sind gotteslästerliche
                 Worte.
Ewald Aber am meisten habe ich Dich geliebt in Deinem stolzen Sohn, dem
Streiter von Golgatha, der waffenlos auszog gegen Sünde und Tod und siegte … für uns alle. Wir anderen mögen mit Hilfe des Bösen siegen, er vermochte es mit Gutem allein.
Pastor Schönheyder (wirft sich voller Verzweiflung und Seelennot auf die Knie)
Ewald Und wenn Du mich jetzt verwirfst, Herr und Gott in der Höhe, dann
werde ich Dich dennoch für alles lieben, was Du mir geschenkt hast, und Deine Hand küssen, auch wenn sie mich fort stößt.

Arendse (steht hinter seinem Stuhl) Wer soll das denn sein, der Dich verwerfen will,
                 Johannes?
Ewald Arendse! Arendse? … Arendse aus meiner Jugendzeit! Du, die einzige
Frau, die meine Seele geliebt hat. Wie kann das sein, dass Du hierher kommst … so jung, so strahlend jung?
Arendse Ich komme, weil ich Dich liebe.
Ewald Du liebst mich nicht! Sag’, dass Du das nicht tust, sondern mich hassest,
weil ich damals von Dir weggelaufen bin und zugelassen habe, dass Du Dich jemandem an den Hals geworfen hast, von dem Du jetzt sagst, dass Du nie etwas für ihn übrig hattest.
Arendse Ich liebe Dich, Johannes.
Ewald Diese Sünde kann ich doch nicht mitschleppen in das Reich des Todes.
Anmutig, schön warst Du, so schön wie jetzt. Kalt wie die Sterne waren Deine Lippen, doch Deine Küsse waren so brennend heiß wie die Mittagssonne. Ich hätte Pfarrer werden sollen mit Dir als meiner Gattin. Aber ich warf mich weg in Trunksucht und Hurerei, und dann hat man Dich einem anderen gegeben.
Arendse Und doch habe ich Dich bekommen.
Ewald Wieso hättest Du mich bekommen?
Arendse Ich bin nicht Arendse … ja, das bin ich auch … aber ich bin zugleich
eine andere. … Schau mich doch an, erkennst Du mich nicht, mein Geliebter und mein Sohn?
Ewald Du bist so jugendfrisch.
Arendse Ja, denn ich bin doch Dänemark.
Ewald Ist Dänemark nicht ein altes Mütterchen?
Arendse (lacht) Nein, Ewald, denn ich bin es ja. Nun, wo das Gefäß Deines
irdischen Leibes dabei ist, zerbrochen zu werden, komme ich, um Dir dafür zu danken, dass Du Deinen Geist Dänemark geschenkt hast als ein Siegesopfer. Die Gefahr unseres Volkes heißt: nett sein, freundlich sein. Aber das Donnergrollen und der Wellengang Deiner Wortes wird weiterleben und uns an den hohen Ruf unserer wahren Bestimmung mahnen. Jedes Mal, wenn wir zurückweichen und nachgeben wollen, sollst Du in unserem Volk mutige Mannhaftigkeit hervorrufen.
Ewald Wer sind die reitenden Gestalten dort?
Arendse Kannst Du sie sehen? Hörst Du auch ihren Gesang? Das sind
Könige, die Könige der Zukunft, und das ist das Volk, das sich stets in seinen Schicksalsstunden um seine Könige scharen wird mit Deinem Wort. Steh auf, Ewald, an meiner Hand kannst Du Dich erheben vor Deinem Wort. Dieses Wort wird leben, wie auch Dänemark leben wird.

Als der Gesang zu Ende ist, sinkt er zurück in seinen Lehnstuhl. Sie küsst seine Stirn, lächelt ihm zu und entschwindet. Madam Schou steht bei ihm und streichelt seine Hand.

Pastor Schönheyder (steht auf von seinem Gebet) Der Herr hat mir überirdische
Erscheinungen zuteil werden lassen. Ich stand vor dem brennenden Dornbusch. Johannes Ewald, kriegst Du noch alles mit?
Ewald Wer ruft nach mir?
Pastor Schönheyder Dein Erlöser selbst, Dein Anführer im Streit. Sieh, hier ist
er bei Dir mit der Vergebung aller Deiner Sünden (reicht ihm das Sakrament) in seinem Leib, der für Dich in den Tod gegeben wurde, und in seinem siegreichen Blut.
Ewald Angst umgibt mich, Dunkelheit steht vor mir …

Doch rasch führ mich durch Lärm und Spiel,
durch Kampf und Sieg zu meinem Grab …

Nein, nicht zum Grab, nicht nur bis zum Grab, sondern darüber hinaus.

Rüst Dich, du Held von Golgatha,
heb deinen roten Schild,
denn Sünd und Schreck, du siehst es ja,
bedrängen mich so wild.
Streck aus den Speer in deinem Harm
Nach den’, die drohen mir,
und feg sie mit gewaltgem Arm
vom Licht und auch von mir.
Dein’ Hand ergreif ich wohlgemut
Und fürcht nicht mehr den Tod.
Mein’ Geist geb ich in deine Hut
Und alle Leibesnot.

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