Montag, 23. August 2010

Kaj Munk - der politische Pfarrer und Dichter, den die SS erschoss

TRANSPARENT hat in manchen seiner Ausgaben auf den dänischen Pfarrer, Dichter und Märtyrer Kaj Munk (1898 – 1944) aufmerksam gemacht. Sein Theaterstück „Er sitzt am Schmelztiegel“ ist in vielen Gemeinden und auch im Haus der Begegnung in der Inszenierung von Deiter Schermeier von Isabel Sandig und Ralf Gottesleben aufgeführt worden, zuletzt in diesem Jahr anlässlich des 70. Geburtstags von Klaus Matthes.

Nun bringt TRANSPARENT ein letztes Mal einen Beitrag zu Kaj Munk: Stichworte zum Vortrag von Paul Gerhard Schoenborn vor der Gruppe Bergisches Land des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS). Darin ein Schmankerl: die auch von Dänen, die des Deutschen mächtig sind, gerühmte Nachdichtung des berühmten Liedes von Kaj Munk „Die blaue Anemone“des rheinischen Pfarrers, Dichters und Krimiautors und Schriftstellers Christian Hartung aus Kirchberg im Hunsrück.

Kaj Munk - der politische Pfarrer und Dichter, den die SS erschoss

Ich soll Ihnen berichten über einen Pfarrer und Dichter, der zum Märtyrer wurde, ich soll berichten über Kaj Munk, den Erneuerer des skandinavischen Theaters in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts und Opfer eines SS-Terrorschlages im Januar 1944. Drei Komplexe werde ich Ihnen vortragen, nämlich zur Person, zur politischen Einstellung und zum literarischen Schaffen Kaj Munks. Mehr Informationen finden Sie in der deutschen Ausgabe von Wikipedia.

Zur Person Kaj Munks

Geboren am 13. Januar 1898 in Maribo, einer Kleinstadt auf der Insel Lolland, getauft als Kaj Harald Leininger Petersen. Die Eltern, der Gerbermeister Carl Emanuel Petersen und seine Frau Anne Mathilde, sterben früh, mit fünf Jahren ist der Kleine Vollwaise. Verwandte der Mutter, die Kleinbauern Peter und Marie Munk aus Opager, einem kleinen Dorf sechs Kilometer von Maribo entfernt, nehmen ihn auf und adoptieren ihn. Von ihnen bekommt er den Namen Munk.

Kaj Munk stammt also aus dem Milieu von Handwerkern und Kleinbauern – untere Mittelschicht - nicht aus dem Milieu von Großbürgern und Großbauern oder von Menschen mit akademischer Bildung.

Der Verlust beider Eltern, besonders der Mutter, wirkt tief auf seine Seele ein. Es dauert eine Zeit, bis er die Liebe seiner Pflegeeltern akzeptiert, dann aber ist er ihnen wirklich wie ein Kind bis zu ihrem Lebensende zugetan. Besonders Marie Munk, leicht behindert, doch willensstark und eine gläubige Pietistin, überträgt auf ihn Willensstärke, Gradlinigkeit und einen konservativen Wertekosmos.

Zu Beginn der Schulzeit hat er Riesenglück, er trifft auf einen wirklichen und herzensguten Lehrer. Martinus Wested ist Grundtvigianer, ein vielseitig gebildeter christlicher Humanist. Er erkennt die sprachliche, dichterische Begabung des kleinen Kaj und fördert sie, ebenso wie auch der grundtvigianische Vikar Oscar Geismar, später Oberhofprediger in Kopenhagen. Beide führen den Jungen ein in dänische Geschichte und Literatur und begleiteten ihn in enger Freundschaft, solange er lebt.

Starke Gegenpole bestimmten also den Heranwachsenden: Eltern im Himmel und Eltern auf der Erde, pietistische Frömmigkeit und Glaubensentschiedenheit der Kleinbauern und grundtvigianischer, dänischer, patriotischer Kulturprotestantismus der Lehrer.

Physisch ist er nicht der Stärkste, gleicht das aber aus durch einen starken Willen. Psychisch ist er hin- und hergerissen von starken seelischen Spannungen und eruptiven Emotionen. Er vereinigt absolute Gegensätze in sich, kokettiert mit seinem Sprachwitz und seinen dialektischen Fähigkeiten, ist manchmal genialisch rasch, manchmal auf den Tod matt, also wohl ein manisch-depressiver Typus.

Seine Schulleistungen sind hervorragend. Trotz der beschränkten finanziellen Mittel einer Kleinbauernfamilie ermöglichen ihm die Munks ein Theologiestudium.

Das sinnlose Blutvergießen des ersten Weltkriegs löste, wie wir wissen, allgemein in Europa eine Kulturkrise aus, bei Kaj Munk bewirkt es eine starke religiöse Krise. Durch Berichte über die blutige Realität auf den Kriegsschauplätzen des Ersten Weltkriegs wird sein kindlich-vertrauensvoller Glaube an Gott radikal in Frage gestellt. Zeitlebens bleibt sinnloser, früher Tod eine existentielle Anfechtung für ihn. Sein Kinderglaube an den lieben und guten Gott zerbricht und muss neu erkämpft werden. Später radikalisiert ihn zusätzlich die Beschäftigung mit Sören Kierkegaard.

Gleichzeitig trägt ihn aber seine pietistische Unterströmung. Kaj Munk studiert gründlich Theologie, aber er wird kein theologischer Gelehrter. Er bekommt einen festen Glaubensgrund, das ist für ihn der Jude Jesus. Am 10. November 1923 um 8,48 Uhr morgens notiert er auf einen Zettel, den er danach stets bei sich trägt: „Was ist Christentum – Ehrfurcht vor Christus.“ Trotz erheblicher Glaubenszweifel im Übergang vom heilen und hellen Kinderglauben zum angefochtenen Glauben eines mündigen Erwachsenen hört er nicht auf, treulich Tag für Tag zu beten.

Er hat sein theologisches Dienstexamen noch nicht ganz abgeschlossen, als er sich auf die Pfarrstelle der kleinen Dreihundert- Seelen-Gemeinde Vedersø direkt an der Nordseeküste Jütlands bewirbt. Von Januar 1924 bis Januar 1944 amtiert er dort als Dorfpfarrer, der in Dänemark seinem Status nach königlicher Beamter ist. Er geht auf die Jagd, wirkt unter Bauern, Fischern und Tagelöhnern durchaus exzentrisch, ist sozusagen ein seltsamer Vogel, wird gefeierter Bühnenautor, Kolumnist, gesuchter Redner, verdient sehr gut an seiner schriftstellerischen Nebenarbeit, heiratet eine Großbauerntochter aus seiner Gemeinde, wird Vater von fünf Kindern. Und bleibt bei all seiner Umtriebigkeit ein treuer Seelsorger, auf den die Gemeinde stolz ist, weniger sein Bischof.

Am 9. April 1940 besetzen deutsche Truppen Dänemark unter Bruch eines Nichtangriffspaktes. Sie lassen den dänischen Staat, den König, seine Regierung, also die komplette Infrastruktur unangetastet, allerdings unter der Bedingung der Kooperation mit Hitlerdeutschland. Kaj Munk ist zutiefst empört, auch über die Anpassungspolitik der dänischen Regierung in den folgenden Jahren. Er wird zum schärfsten Kritiker der dänischen Kollaboration und zur Symbolfigur des Widerstands gegen die deutsche Besatzungsmacht. Seine Waffe ist das öffentliche Wort. Er ist davon überzeugt, dass die Dänen etwas tun müssten, um die Fremdherrschaft abzuschütteln. Er unterstützt mit Wort und Tat die Widerstandsbewegung, die Dänen aus dem gesamten politischen Spektrum von den Kommunisten bis zu den Radikal-Konservativen umfasst.

Als Im Herbst 1943 die Sabotageakte zunehmen, ordnen Hitler und Himmler als Gegenmaßnahme Terrormaßnahmen an. Zum Jahresende wird von Berlin aus ein SS-Spezialkommando in Marsch gesetzt, SS-Männer der Gruppe Skorzeny, die zuvor den Duce befreit hatte. Sie sollen in der dänischen Bevölkerung Angst und Schrecken auslösen und die Widerstandsbewegung einschüchtern. Sie haben konkret den Auftrag, bei Nacht und Nebel prominente Personen aus dem dänischen Widerstand zu ermorden. Einer der Namen: Kaj Munk. Am Abend des 4. Januar 1944 wird er in seinem Pfarrhaus verhaftet und Stunden danach am Rande der Reichsstraße 15 bei Silkeborg erschossen. Die Stimme des Widerstands sollte zum Schweigen gebracht werden. Aber die Stimme des Ermordeten wird fortan noch deutlicher und lauter als zuvor gehört. Eine Fülle von illegalen Flugblättern und Texten von dem und über den Märtyrer Kaj Munk kursieren bis zum Kriegsende im Untergrund und spornen den dänischen Widerstand an.

Freunde setzen später auf der Rabenhöhe bei Holstebro einen Gedenkstein mit der Inschrift „Kaj Munk starb am 4. Januar 1944 für sein Vaterland. Einige müssen sich opfern, damit andere leben können".

Am Rand der Reichsstraße 15 steht bei Hørbylunde Bakke, 4 Kilometer westlich vor Silkeborg, ein großes archaisches Kreuz aus Granit - ohne Inschrift, ohne Namen oder Jahreszahl. Aber jeder Däne weiß: An dieser Stelle wurde Kaj Munk erschossen. Stets stehen Blumen vor dem Kreuz. Das Volk kennt seine Heiligen.

Zur politischen Ausrichtung Kaj Munks

Der Dramatiker und Kolumnist Kaj Munk ist zu Lebzeiten und noch bis zum heutigen Tag umstritten wegen seiner politischen Gesinnung, der er sowohl in seinem schriftstellerischen Werk wie in seinem Journalismus deutlich Ausdruck gibt.

Er tritt als wortmächtiger Einzelkämpfer auf und gehört keiner Partei oder politischen Gruppierung an. Er ist Verkündiger und Künstler zugleich und fühlt in sich eine starke Berufung, das dänische Volk aufzurütteln und zu reformieren. Christliche Maßstäbe verbinden sich bei ihm mit einem antimodernen, absolutistischen Wertkonservativismus. Seiner politischen Überzeugung nach gehört er in das dänische radikal-konservative Spektrum, und das ist in jener Zeit demokratie- und sozialismus-kritisch, um nicht zu sagen: -ablehnend.

Kaj Munk ist als dänischer königstreuer Patriot niemals faschistisch oder gar nationalsozialistisch orientiert, wie ihm gewisse dänische Kreise von 1945 bis heute vorwerfen. Aber er vertritt einen romantischen Heroismus und erhofft sich Heil von der Herrschaft starker Führerpersönlichkeiten.

Den Parlamentarismus in seiner Ausprägung nach dem Ersten Weltkrieg sieht er als für die Entwicklung eines Volkes ungeeignet an. Er gibt dieser Überzeugung in Wort und Schrift deutlich Ausdruck. Dagegen sieht er in der gestaltenden Kraft von Mussolinis Faschismus in Italien einen geschichtlichen Ordnungsfaktor, den er als Modell für die Entwicklung auch Skandinaviens für wünschenswert hält. Auch die sich nach 1933 wirtschaftlich bessernden Verhältnisse in Deutschland unter Hitler scheinen ihm in dieselbe Richtung zu deuten. Kaj Munk ist der – ich muss leider sagen: naiven - Ansicht, dass aufrichtige und aufopferungsbereite Führergestalten mit Idealismus und Überzeugungskraft in ihren Völkern positive Entwicklungen in Gang setzen können.

Die weitere Politik Mussolinis und Hitlers lassen ihn auf kritische Distanz zu diesen beiden Diktatoren gehen. Er bleibt radikal-konservativ, sein Wertkonservativismus schlägt Alarm. Mussolinis Abessinienkrieg verurteilt er ganz und gar. Dem gibt er Ausdruck in dem Drama „Sejren“ („Der Sieg“). Der Duce ist eine der Hauptpersonen in dem Stück. Zu dem Stück existieren zwei Schlüsse: In dem ursprünglichen wird der Duce von seiner christlich-pazifistischen Frau getötet, die sich dann auch selbst tötet. Der Papst, ein frommer Mönch, kein Kirchenfürst, spricht ein ergreifendes Schlusswort. In der anderen Fassung erschießt Mussolini seine Frau und schnappt danach im Größenwahn über: Nun werde ihn, den Beherrscher der Welt, niemand mehr aufhalten, lautet sein triumphierendes Schlusswort. Dieses Schauspiel führt zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Rom und Kopenhagen.

Kaj Munk kommentiert in der Folgezeit auch die Entwicklung im Nachbarland Deutschland zunehmend kritisch. Hitlers unmenschliche Behandlung der Juden in Deutschland empört ihn zutiefst. Am 17. November 1938 - eine Woche nach dem reichsweiten Pogrom in Deutschland - erscheint in der Tageszeitung „Jyllands-Posten“ sein offener Brief an Mussolini. Darin beschwört Kaj Munk den Duce, Hitler von den Judenverfolgungen abzubringen, sie seien eines großen Kulturvolkes wie des deutschen unwürdig. Mussolini wird wahrscheinlich niemals von diesem offenen Brief erfahren haben. Der eigentliche Adressat des Briefes ist die dänische Öffentlichkeit. Munk artikuliert in ihm Abscheu und Entsetzen der Mehrzahl der Dänen gegenüber der „Reichskristallnacht“. Er sensibilisiert seine Landsleute auch durch sein politisches Theaterstück „Er sitzt am Schmelztiegel“ gegen Rassenideologie und Antisemitismus des großen Nachbarn im Süden. Im schleswigschen Grenzland erhebt sich daraufhin Protest dänischer Nazis und deutscher Zeitungen. Eine Nachwirkung des vieldiskutierten Stücks ist, dass sich die Dänen im Herbst 1943 dem deutschen Versuch widersetzen, das Land „judenrein“ zu machen. Sie retten ihre jüdischen Mitbürger fast vollständig nach Schweden hinüber.

Nach der Besetzung Dänemarks sollen nach Kaj Munks fester Überzeugung die Dänen jede Art von Kollaboration vermeiden, den Besatzern die kalte Schulter zeigen und sich stattdessen auf die eigenen Befreiungstraditionen besinnen, einschließlich der früheren gewaltsamen Beseitigung von Tyrannen, die das Land unterjochten.

Jedem Dänen ist damals die historische Gestalt des Freiheitshelden aus dem Mittelalter Niels Ebbesen bekannt. Der jütländische Großbauer ist sozusagen der “dänische Wilhelm Tell“. Dieser, ein durch und durch friedfertiger Mann, erschlug - trotz seiner Skrupel - am 10. April 1340 den Grafen Geert, einen holsteinischen Warlord, der sich ganz Skandinaviens bemächtigen wollte. Kaj Munk schreibt gleich nach dem deutschen Überfall im Frühsommer 1940 ein Bühnenstück darüber. Es wird, solange Dänemark besetzt ist, nicht aufgeführt. Aber 1942 erscheint es im Druck. Die gesamte Auflage soll am Erscheinungstag beschlagnahmt werden. Doch nur wenige Exemplare der Auflage in Höhe von 16.000 Stück fallen der Polizei in die Hände. Die übrigen “verteilt” die dänische Untergrundbewegung. Munk liest und interpretiert Teile des Schauspiels vom Herbst 1940 an in zahlreichen dänischen Städten und zur Verärgerung des deutschen Reichsbevollmächtigten Werner Best sogar vor dem dänischen König. Als er daran gehindert wird, finden sich viele andere, die diese Protestaktion fortsetzen und Lesungen des Freiheitsdramas veranstalten. In Vedersø wird „Niels Ebbesen“ heute noch von Zeit zu Zeit durch die Bevölkerung am See bei dem alten Pastorat aufgeführt.

Kaj Munk nimmt eine landesweite, aufreibende Vortragstätigkeit in Kirchengemeinden und Landvolk-Hochschulen auf. Er will durch sein Wort den Widerstandswillen seiner Landsleute stärken. Er wird jedoch darin immer mehr behindert. Der deutsche Geheimdienst überwacht ihn, der Kirchenminister bestellt ihn ein und rät ihm dringend zu unauffälligem Verhalten.

Zwei Kostproben aus seinen gedruckten (!) Predigten der Jahre 1941/42 dokumentieren unmissverständlich seine Aufrufe zum Widerstand:

„Verbrecher können die Macht über ganze Völker an sich reißen und alle bestehenden Werte umstürzen und so viel Schändlichkeiten und Leiden verursachen, dass der Tempelritter in uns aufgerufen wird. Und da geschieht es, dass wir Christi Wort als einen Befehl vernehmen: Hängt Mühlsteine um den Hals derer, die den Kleineren und Schwächeren ans Leben wollen.“

Oder: „Es gibt Mitmenschen, ... denen man am besten einen Dienst erweist, indem man sie totschlägt. Dies meine ich buchstäblich. Niels Ebbesen gegen den Grafen Geert zum Beispiel. Der kahlköpfige Graf hätte sich ein paar Jahre mehr Hölle erworben, wenn seine Verbrechen am 10. April 1340 nicht gestoppt worden wären. Und wenn es nicht aus Rücksicht auf den Grafen geschehen war, so war es doch eine barmherzige Samaritertat gegenüber dem mit Füßen getretenen, leidenden Volk. ... ‘Du sollst deinen Feind lieben’ bedeutet nicht: ‘Du sollst dich auf ihn einstellen und ihm recht geben.’ Ganz im Gegenteil. Du sollst ihn lieben, so dass du eher in sein Gesicht spuckst, als dass du das Verbrechen ihm gegenüber begehst, zu schweigen und ihn glauben zu lassen, dass du seine Vorhaben und Methoden billigst. Du sollst ihn lieben, weil er dein Mitmensch ist, aber du sollst ihn hassen in dem Maße, wie er das Böse ausübt und er um der Wahrheit willen, und nicht nur deinetwegen, dein Feind ist. ... Gottes Güte ist sanftmütig und geduldig, aber sie schließt nie mit dem Bösen einen Kompromiss.“

Ab 1943 ist es ihm fast nicht mehr möglich, etwas zu publizieren. Aber seine vaterländischen Gedichte und auch eine kleine Predigtsammlung, für deren Druck eigens ein Verlag gegründet und gleich wieder liquidiert worden war, und manch anderer Text laufen als Untergrundliteratur durch Dänemark. Buchhändlern wird verboten, seine Bücher auszustellen. Ein Einakter „Ewalds Tod“ wird als Werk seines Freundes Holger Gabrielsen gedruckt und sogar im Königlichen Theater aufgeführt. Kaj Munks Waffe ist und bleibt das Wort - am Ende nur noch das verkündigte Wort Gottes, seine Predigten. Er ist mit den Jahren begütert worden und unterstützt den bewaffneten Widerstand mit großen Summen und stellt sein abgelegenes weiträumiges Jagdareal für britische Fallschirmabwürfe von Waffen, Dynamit und Funkgeräten zur Verfügung. Im Herbst 1943 nehmen seine Frau und er einen jüdischen Jungen, den Sohn von Freunden, die in den Untergrund beziehungsweise nach Schweden abgetaucht sind, bei sich auf. Jeder in seiner Kirchengemeinde Vedersø weiß davon.

Zum schriftstellerischen Werk Kaj Munks

Der kleine Kaj ist unzweifelhaft sehr begabt, intelligent, wissbegierig und lerneifrig. Früh ist erkennbar, wie gut er mit seiner Muttersprache, mit den Worten, mit dem Klang und dem Rhythmus von Reimen umgehen kann.

„Ganz sachte kommt der Lenz gegangen,
bald wird der Sommer schimmernd prangen.
Der Vogel haust im grünen Hain,
er jubiliert tagaus, tagein.
Für uns nur singt er seine Weise,
und Gras und Blumen recken sich leise.
So können wir die Hoffnung hegen,
dass uns ein fruchtbar Jahr beschert
voll Sonn’ und voller Freud’ und Segen.

Dieses Gedicht und manche anderen eigenen Texte schreibt der neunjährige Kaj auf Packpapier aus dem örtlichen Konsum auf, als er zu Haus das Bett hüten muss und nicht zur Schule gehen kann.. Als Lehrer Wested seinen kranken Schüler besucht, ist er erstaunt und gerührt über dieses Gedicht, das in Aussage und Klang an Grundtvigs Choräle erinnert.

Schon als Schüler verfasst Kaj Munk beachtliche Texte: Kurzgeschichten, Choräle, Dramen. Zeitweilig überlegt er sogar, sein Theologiestudium in Kopenhagen abzubrechen und ausschließlich Schriftsteller und Dichter zu sein. Davon halten aber seine Eltern nichts, die ihm das Studium unter großen Opfern ermöglichen. So wird er Dorfpfarrer in Vedersø.

Er führt dort seine literarischen Arbeiten weiter. Im Jahre 1928 spielt das Königliche Theater in Kopenhagen erstmals sein grandioses Bühnenstück über Herodes den Großen: „Ein Idealist“. Die Inszenierung des stark und ungeschickt gekürzten Dramas überzeugt nicht. Es gibt nur wenige Aufführungen; danach verschwindet das Schauspiel vom Spielplan. Es gibt indes in diesem Zusammenhang eine kleine, für Kaj Munk bezeichnende Episode zu berichten: Nach der Premiere sollen Kaj Munk, der Regisseur, einige Schauspieler und andere Mitarbeiter des Theaters in einem Restaurant beisammen gesessen haben. Man habe Kaj Munk wegen seines Dramentextes viele lobende Worte gesagt und wollte ihn hochleben lassen. Da sei er erregt aufgesprungen und habe gerufen, aller Ruhm in Hinblick auf dieses Drama gehöre Gott allein. Man möge also gefälligst Gott loben und ihm die Ehre geben, aber nicht ihm, dem Menschen aus Vedersø.

Kaj Munk schafft dann den Durchbruch als anerkannter und gefeierter Dramatiker 1931 durch sein Schauspiel über Heinrich VIII, „Cant“.

In den folgenden Jahren wird er, der Dorfpfarrer, zum Erneuerer des skandinavischen Theaters. Im Jahre 1938 kann man in Kopenhagen auf verschiedenen Bühnen fünf seiner Schauspiele sehen. Die königliche Regierung ehrt ihn mit einem jährlichen Dichtersold. Er gibt das Geld zu je einem Drittel weiter: seiner Gemeindeschwester und der Armenkasse des Dorfes – und an einen Fond, der sich einsetzt für die Heimholung Südschleswigs in das Königreich Dänemark.

1925 verfasst Kaj Munk – er ist gerade ein Jahr im Pfarramt - auf Anraten des künstlerischen Beraters des Königlichen Theaters in Kopenhagen, Professor Hans Brix, ein Schauspiel, das das Leben der Menschen in den dänischen Dörfern dramatisiert. Bisher waren Bauern kein ernsthaftes Thema in der dänischen Bühnenliteratur, sondern kamen höchstens als tölpelhafte Randfiguren oder nur in Bauernschwänken vor. Munk überschreibt sein Stück zunächst so: „Im Anfang war das Wort – eine Legende aus unseren Tagen“. Auslöser bei ihm ist ein Geschehen, das ihn bis ins Mark erschüttert hatte: Er muss im November 1925 eine Bauersfrau, die im Kindbett verblutet ist, zusammen mit ihrem neugeborenen Kind beerdigen. „Ordet“, - „Das Wort“ thematisiert das absolut sinnlose Sterben, dass die Zurückbleibenden völlig hilflos macht, aber darüber hinaus die sozialen und kirchlichen Spannungen in einem jütländischen Dorf. Es handelt von Liebe und Wahnsinn und problematisiert Vernunft und Wunderglauben. Am Ende weckt ein von der Wahnvorstellung, er sei der wieder zur Erde zurückgekehrte Jesus von Nazareth, geheilter Theologiestudent seine tote Schwägerin wieder auf. Aber der Schauspieltext lässt offen, ob es wirklich eine Totenauferweckung war - oder man die Leichenschau auf dem Lande verbessern müsse.
Die Theaterleitung des „Königlichen“ weigert sich, das Schauspiel anzunehmen. Man könne solch ein mit christlichen Themen dicht gefülltes Theaterstück dem aufgeklärten, säkularen Hauptstadtpublikum nicht zumuten. Erst 1932 hat ein Kopenhagener Privattheater den Mut, das Stück aufzuführen. Diese Bühne steht kurz vor dem Bankrott. Aber „Das Wort“ wird ein sensationeller Erfolg. Es rettet das Betty-Nansen-Theater vor dem Untergang und löst große Diskussionen in der Öffentlichkeit aus. Ein Kritiker schrieb damals, harte Geschäftsleute in der dänischen Hauptstadt hätten sich danach über Glauben und Wunder ereifert und aufgetakelte Damen der feinen Gesellschaft sich schluchzend über Liebe, Sterben und die Existenz nach dem Tode ausgetauscht. Bereits im ersten Theaterjahr 1932/33 erlebt „Das Wort“ in Skandinavien insgesamt 582 Aufführungen (und immerhin im Winter 1934/35 sechs im Schweriner Staatstheater, übrigens in der Übersetzung von Erwin Magnus, einem deutschen Juden, der wenig später wie so viele andere ins Exil getrieben wurde). Das Textbuch hat bis 1962 neunzehn Auflagen mit 67.000 Exemplaren erreicht – ein höchst erstaunlicher Sachverhalt, weil Textausgaben von Schauspielen eigentlich im Buchhandel schwer gehen.

Der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer, Lehrmeister Ingmar Bergmanns, hat Munks Schauspiel mit filmischen Mitteln in seinem Film „Ordet“ interpretiert. Ein starker Dramentext fand einen kongenialen Regisseur! Dreyers Film zähle zu den ungefähr zehn wirklichen filmischen Kunstwerken, sagte mir eine Berliner Regisseurin und Theaterwissenschaftlerin.

Ich möchte an dieser Stelle einige grundsätzliche Hinweise zu Kaj Munk als Dramatiker geben: Gewöhnlich wird die Sprache seiner Bühnenwerke als expressionistisch charakterisiert. Mir will das nicht einleuchten, wenn ich Munks Texte mit anerkannt expressionistischen Werken vergleiche. Aber irgendwann stand das so in einem Theaterhandbuch und wird seitdem unbedenklich abgeschrieben.

Kaj Munk geht es um pralles, mitreißendes dramatisches Geschehen auf der Bühne. Er will einen Theaterstil des niedlich-gemütlichen Biedermeier oder der blutleeren blassen Gedankenspielereien, der damals auf den skandinavischen Bühnen gepflegt wird, radikal ablösen. Die Personen, die in seinen Stücken vorkommen, werden von ihm als lebendige, klar gegeneinander abgegrenzte Charaktere mit Stärken, Schwächen und Widersprüchlichkeiten gezeichnet. In meisterhaften Repliken prallen sie aufeinander; reißen die Zuschauer emotional mit und lösen intensive Diskussionen aus.

Das Schauspiel „Das Wort“ ist – wie die meisten anderen seiner Theaterstücke - ein starker Beleg dafür, dass Kaj Munk sich nicht nur als Pfarrer, sondern auch als Dichter dazu berufen wusste, eine zunehmend säkulare Umwelt mit Gott, mit dem lebendigen Christus zu konfrontieren.

Kaj Munks schriftstellerische, volkstümliche Produktion neben seinen mehr als zwanzig Bühnenwerken kann ich hier nur streifen: Ein Filmskript, Kinderbücher, seine Lebenserinnerungen bis zu dem Moment, als er erfährt, dass „En Idealist“ vom Königlichen Theater in Kopenhagen angenommen ist (viele Auflagen, auch nach dem Zweiten Weltkrieg, mit allein 600.000 dänischen Exemplaren!), patriotische Gedichte, Nacherzählungen des lukanischen Geschichtswerks (Evangelium und Apostelgeschichte) für eine besondere Ausgabe des Neuen Testaments, wiedergegeben von dänischen Dichtern.

Nicht außer Acht lassen kann ich seine Journalistik, seine Kolumnen in den dänischen Tageszeitungen, besonders in „Jyllands Posten“, der Zeitung, die wir von den Mohamedkarikaturen kennen. In elf Jahren veröffentlichte er mehr als 600 Artikel zu allen möglichen Themen aus Kirche, Kultur und Politik. Den offenen Brief an Mussolini habe ich bereits erwähnt. Die provozierenden, oft bis an die Grenze des guten Geschmacks gehenden Feststellungen Kaj Munks lösten oft lang anhaltende Kontroversen aus.

Zwei Kostproben: Kaj Munk ist entschiedener Gegner der damaligen dänischen Abtreibungsgesetzgebung. In einer adventlichen Betrachtung schreibt er, wenn es damals, als der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria die Gottesbotschaft überbrachte, sie werde ein Kind bekommen, im Land Palästina ähnliche Gesetze gegeben hätte, so wäre sie sogleich zu einem Frauenarzt gelaufen und hätte ihre Leibesfrucht abtreiben lassen. „Und“, so schließt Kaj Munk, „was wäre dann wohl aus unserer Erlösung geworden?“ Das lesen die Dänen und regen sich auf: So etwas schreibt ein Pastor.

Ein anderes Mal hat er das Werk eines ehemaligen Pfarrers aus Dithmarschen, Gustav Frenssen „Der Glaube der Nordmark“ zu rezensieren, das gerade auf Dänisch erschienen ist. Frenssen erklärt darin, die Behauptung einer Einheit Gottes mit dem Juden Jesus von Nazareth sei für den Glauben des „nordischen Menschen“ unannehmbar. Kaj Munk stellt klar:

„Was ist das Zentrale im Christentum? Nicht Golgatha, nicht der Versöhnungstod, nicht die Dreieinigkeit, nicht die Vergebung der Sünden, nicht die Jungfrauengeburt, nicht das Abendmahl. Das Zentrale im Christentum ist Jesus. Nicht weniger, nein, aber wahrhaftig auch nicht mehr ... Aber dieser Jesus war Nicht-Arier! Das müssen wir in der Tat zugeben. Als Gott seinen Sohn geboren werden ließ, konnte er dafür kein Herrenvolk mit der Anlage zum Größenwahn gebrauchen. Es ist groß, Arier zu sein, aber es ist doch noch größer, Mensch zu sein. ... Jesus war ein Jude, und ‘Sohn Davids’ und ‘Sohn des Menschen’ waren die zwei Würdenamen, die er so souverän miteinander vereinen konnte, dass zweitausend Jahre davor gekniet haben. (“Jyllands-Posten” vom 29. November 1936)

Ich kehre zum Schluss noch einmal zu einem Einakter zurück, der im Dezember 1943 in der Literaturzeitschrift „Bogrevy“ erscheinen sollte und als Sonderdruck im Untergrund seine Runde macht. Sein Titel „Vor Cannae“, sein Inhalt: Am Vorabend der berühmten Schlacht zwischen den Puniern und den Römern im Jahre 216 vor Christus, taucht der römische Feldherr Quintus Fabius Maximus vor dem Zelt Hannibals auf. Er versucht, dem Punier die Sinnlosigkeit der Vernichtung von Leben vor Augen zu führen und ihm Frieden anzubieten. Hannibal lehnt das Friedensangebot ab, weil er seines Sieges sicher ist.

„Vor Cannae“ ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen ist es das letzte Bühnenstück Munks mit einem offenkundigen politischen Hintergrund. Zum andern ist es einer der stärksten Dialoge aus seiner Feder.

HANNIBAL Dieses Mal wollt ihr mich also schlagen. Und deshalb kommst du, um mir den
Freundesrat zu geben ohne Kampf zu flüchten?
FABIUS Du hältst mich für einen alten Idioten. Du hast Recht; das bin ich ohne Zweifel.
Dasselbe glauben sie von mir zu Hause in Rom. Und das ist das Vertrauenerweckende an mir. Du, Hannibal, du bist ein Genie, das wird von uns allen anerkannt, und wir danken Jupiter dafür, dass du nicht bei uns geboren wurdest. Das schlimmste Schicksal, das ein Volk treffen kann, ist von einem Genie heimgesucht zu werden. Das Genie ist von der fixen Idee besessen, dass es mit uns Idioten fertig werden kann. Das kann es niemals. Deshalb ist es verloren.
HANNIBAL Kommst du zu mir, um mich zum Idioten zu machen?
FABIUS Was ist es eigentlich, was du willst? Rom ausrotten? Gut. Und was ist es, was Rom
will? Karthago ausrotten. Gut. Aber schau, ich ... was will ich? Ja, wer bin ich? Ich bin ein alter Mann, so alt, dass ich ein Mensch geworden bin. Ich bin so, dass ich, wenn ich auch in Rom wohne, doch meine, es sei ungefähr gleich wenig gewonnen, wenn die eine oder die andere der beiden Städte abgeschafft würde. Ich habe fünf Kinder und dreizehn Enkel. Ich liebe es, diese Kinder spielen zu sehen. Und ich bilde mir ein, dass Kinder in Karthago ungefähr in derselben Weise spielen wie Kinder in Rom. Das ist die eine Sache. Die andere ist, dass Rom Handel treiben soll, und Karthago soll auch Handel treiben. Ich will lieber mit einer Stadt handeln als mit einem Steinhaufen, wie bitte?
HANNIBAL Deine Argumente machen keinen Eindruck auf mich. Ich bin nicht verheiratet, ich
habe weder Kinder noch Enkel. …
FABIUS Hast du keine Kinder, kannst du welche bekommen. Und du bist wohl auch selbst
einmal Kind gewesen und hast gespielt.

Bereits in jungen Jahren hatte die Person des punischen Feldherrn Hannibal den Dichter fasziniert - so sehr, dass er vorhatte, ein Drama mit Hannibal als Hauptperson zu schreiben, in dem dieser als Held gegen das welterobernde und unterdrückende römische Imperium kämpft. In „Vor Cannae“ hat sich diese Charakteristik des Karthagers unter dem Eindruck der politischen Entwicklung in Europa und des Zweiten Weltkrieges doch ins Gegenteil verkehrt. Nunmehr ist Hannibal der Tod und Zerstörung symbolisierende Diktator und Rom der Hort von Humanität und Lebenswillen.

Man geht nicht fehl, in den beiden Heerführern, die hier einen Dialog führen, Winston Churchill und Adolf Hitler zu sehen. Kaj Munks historische und politische Schauspiele sind immer transparent auf das politische Gebot der Stunde. Wer Ohren hat zu hören, vernimmt diese Subtexte. In „Niels Ebbesen“ geht es um Kollaboration, Fraternisierung und gewaltbejahenden Widerstand im besetzten Dänemark. In „Vor Cannae“, verfasst nach der endgültigen Wende von Hitlers Schlachtenglück in Stalingrad, geht es um Beendigung eines sinnlos gewordenen Eroberungskrieges im modernen Europa.

Fabius verkörpert die englische Mentalität, die eine ruhige und friedliche Entwicklung anstrebt und trotz vieler Niederlagen eine Zähigkeit und Ausdauer besitzt. Sie sichert letztlich Sieg und Überleben jener humanen Werte, die das Kernstück christlichen Glaubens darstellen, den Kaj Munk mit seiner ganzen Persönlichkeit in seinem gesamten Schaffen immer wieder so stark und lebendig bezeugt hat. Hannibal hingegen repräsentiert den kalten von einer abstrakten Idee besessenen Eroberer, dessen Herrenvolk-Mentalität sich im Glauben an die eigene Erwähltheit und Einmaligkeit hochmütig über diese Werte hinwegsetzt.

Als Fabius Hannibal verlässt, ist er sich zwar bewusst, dass sein Heer am kommenden Tag geschlagen wird. Er ist aber auch gewiss, dass Hannibals Sieg den Keim der Vernichtung in sich trägt, weil am Ende die Kräfte der Erhaltung über die der Zerstörung obsiegen werden - weil das Leben immer wieder über den Tod triumphiert.

FABIUS … Hannibal, Phöniziens genialer Feldherr, ein alter Römer bietet dir seine Hand, sollten wir nicht der Welt Antwort geben?
Hannibal Ha!
FABIUS (erhebt sich abrupt; mit gänzlich veränderter Miene, beinahe jung, sagt er hart, knapp und kalt:) Dann kondoliere ich dir zu deinem morgigen Sieg.

Und seine Schritte hören sich an wie ein Heer auf dem Marsch.


Ich schließe mit einem Gedicht Kaj Munks, das die Dänen lieben und oft und gern singen, sogar diejenigen, die sich bis heute an ihm reiben und etwas an ihm auszusetzen haben, weil er an ihr schlechtes Gewissen rührt. Achten Sie auf den Subtext: so wie der Frühling kommt und die grimmige Herrschaft des Winters beendet, so gewiss kommt die Befreiung von der deutschen Besatzung.

Die blaue Anemone

1. Was war hier nur geschehen? / Mein hart wie Stein gefrornes Herz
schmilzt schon beim bloßen Sehen / am ersten Tag im März.
Was brach da durch das Wintergrau / und schmückt das schwarze Beet so blau,
als ob's im Himmel wohne? / Die kleine Anemone: / Ich pflanzt' sie da genau.

2. Ich hab sie mitgenommen / von Lolland, meinem Kindheitsort.
Als ich hierher gekommen, / dacht' ich: Nun bleibt sie fort.
Ihr fehlt die Heimat, Wald und Baum, / die laue Luft, der milde Raum;
in dieser Feindeszone / vergeht die Anemone; / das überlebt sie kaum.

3. Jetzt seh ich sie sich wiegen / im kalten Wind vom nahen Strand.
Sie lässt sich nicht besiegen / von Jütlands Kies und Sand,
als gäbe ihr die Widrigkeit / nur eine größ're Sicherheit:
Wie eine Amazone / steht meine Anemone / und ist zum Kampf bereit.

4. Was ist hier nur geschehen? / Mein kalt und hart gefror'nes Herz –
es schmilzt beim Wiedersehen / am ersten Tag im März.
Ich dachte: "Hier ist ewig Schluss / mit Freude!", da ich wohnen muss
vor Winterkönigs Throne. / Nun schickt die Anemone / mir einen frohen Gruß.

5. Die blauen Blütenblätter / sind mir des Frühlings Täuflingskleid,
sind mein willkomm'ner Retter / aus Hoffnungslosigkeit.
Ich bücke mich und streichle sacht / die neue zarte Blütenpracht.
Wie hat dich mir zum Lohne, / du kleine Anemone, / der Schöpfer schön gemacht!

Kaj Munk 1943 - Melodie: Egil Harder 1945 - deutsche Nachdichtung: Christian Hartung 2009


Paul Gerhard Schoenborn, 12. Juli 2010

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