Montag, 23. August 2010

Kaj Munk und die Rettung der dänischen Juden 1943

Zum Gedenken daran, daß Kaj Munk vor 100 Jahren, am 13. Januar 1898, in Maribo auf Lolland geboren wurde:



Mit Gottes Hilfe das Volk zum Aufruhr bringen ... ”

Die Rettung der dänischen Juden 1943 und die prophetische Botschaft des Märtyrers Kaj Munk



Dieser auffällige Satz “Mit Gottes Hilfe das Volk zum Aufruhr bringen ... ” stammt aus einer Predigt des dänischen Landpfarrers und Dichters Kaj Munk am 5. Dezember 1943 in einem Gottesdienst im Kopenhagener Dom. Es war die erste kirchliche Veranstaltung, die die Deutschen seit dem Tag der Besetzung, dem 9. April 1940, verboten hatten; Kaj Munk war zu dieser Zeit in der dänischen Hauptstadt persona non grata. Der Kontext des Satzes lautet:


Nur eins will ich sagen: Wenn man hier im Lande mit der Verfolgung einer gewissen Gruppe unserer Landsleute anfängt, nur um ihrer Abstammung willen, dann ist es christliche Pflicht der Kirche zu rufen: Das ist gegen das Grundgesetz im Reiche Christi, die Barmherzigkeit, und das ist verabscheuungswürdig für jedes freie nordische Denken. Und die Kirche muß weitergehen, ohne sich beirren zu lassen. Geschieht das noch einmal, dann wollen wir mit Gottes Hilfe versuchen, das Volk zum Aufruhr zu bringen. Denn ein christliches Volk, das tatenlos zusieht, wenn seine Ideale mit Füßen getreten werden, gibt dem tödlichen Keim der Verwesung Einlaß in seinen Sinn, und Gottes Zorn wird es treffen.1


Ein dänischer lutherischer Pfarrer drohte wegen der Judenverfolgung durch die Deutschen mit Aufruhr. Genau einen Monat später, am 5. Januar 1944, fand man bei Hørbylunde Bakke, kurz vor Silkeborg, die Leiche Munks.. Am Abend zuvor hatte ihn ein SS-Kommando in seinem Pfarrhaus in Vedersø an der Nordsee verhaftet und abtransportiert. Als er seine Frau, die mit fünf kleinen Kindern zurückblieb, zum Abschied umarmte, sprach er ihr Mut zu: “Vertraue auf Gott!” Das Auto der SS fuhr lange durch die Nacht des 4. Januar 1944, hielt schließlich unterwegs, und Kaj Munk wurde kaltblütig erschossen. Es war ein von Hitler und Himmler angeordneter Terrorschlag gegen die dänischen “Freiheitsskämpfer”. Pastor Munk war eine Symbolfigur des Widerstands gegen die deutschen Besatzer.2


Der Plan der Deutschen, im Oktober 1943 auch Dänemark endlich “judenrein” zu machen und die dänischen Juden der “Endlösung” zuzuführen, hatte den dänischen Widerstand kleinerer Gruppen, der seit Mitte 1943 bereits eskalierte, zu einer Sache weiter Kreise der dänischen Bevölkerung gemacht.3 Munks Predigt in Kopenhagen drückte aus, was viele im Lande empfanden: Was man mit unseren jüdischen Mitbürgern machen will, ist erstens unchristlich und zweitens ein Schlag gegen unser freies nordisches Denken. Das werden wir Dänen nicht hinnehmen; wir werden mit allen Mitteln etwas dagegen unternehmen.


Dänemarks Bevölkerung zur Zeit des 2. Weltkriegs betrug gegen 4,5 Millionen Menschen. Vor dem Krieg lebten ungefähr 6.000 Juden in Dänemark. Zu Beginn des Jahrhunderts waren genau 3.476 Juden registriert. Der größte Teil von ihnen wohnte im Großraum Kopenhagen. Während der russischen Revolution kamen 3.146 jüdische Flüchtlinge ins Land. Sie belebten die jüdische Gemeinde und arbeiteten meist als strebsame kleine Handwerker, Kleinkaufleute oder Angestellte. Die Juden waren seit 1814 voll anerkannte, in die Gesellschaft integrierte dänische Staatsbürger.


Seit 1933 kamen etwa 4.500 jüdische Flüchtlinge ins Land, vor allem aus Deutschland, von denen rund 1.500 im Land blieben. Der größte Teil derer, die weiterzogen, waren junge Leute, die ein Jahr lang in der Landwirtschaft ausgebildet wurden, dort wegen ihres Eifers und ihrer bescheidenen Höflichkeit hoch angesehen waren und dann nach Palästina gingen, um sich in den dortigen jüdischen Siedlungsprojekten zu engagieren. Die dänische evangelische Kirche leistete für manche jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland humanitäre Hilfe, half ihnen während ihres Aufenthaltes in Dänemark und bei der Weiterreise. Im Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland in Düsseldorf befindet sich als Gabe von Frau Lili Kopecky eine umfangreiche Akte über diese Maßnahmen.


Die Zahl der Angehörigen der politisch unbedeutenden dänischen nationalsozialistischen Partei - sie spielte fast nur in Nordschleswig eine Rolle - war kleiner als die Zahl der dänischen Juden. Vereinzelt, nur als Ausnahme, gab es auch antisemitische Äußerungen im Dänemark der dreißiger Jahre. Hingegen: Als Reflex auf die “Reichskristallnacht” im großen deutschen Nachbarvolk und ohne die übliche außenpolitische Rücksichtnahme verabschiedete das dänische Parlament im Jahre 1939 eine Ergänzung zum dänischen Strafgesetzbuch. Darin heißt es, daß jeder mit Gefängnis bestraft wird, der gegen irgendeinen Teil der dänischen Bevölkerung wegen dessen Religion, Abstammung oder Herkunft durch übles Nachreden oder falsche Behauptungen Hetze betreibt.4


Am 9. April 1940 überfielen deutsche Truppen das Land unter Bruch eines im Jahr zuvor geschlossenen Nichtangriffspaktes. Die dänische Regierung befahl nach kurzem militärischen Widerstand die Einstellung von Kampfhandlungen und arrangierte sich mit dem Aggressor. Dänemark erhielt daher unter den von Deutschen besetzten Ländern zunächst einen Sonderstatus: König und Regierung blieben im Amt, alle Behörden arbeiteten weiter wie bisher, die dänische Armee und die dänische Polizei taten weiterhin Dienst. Es gab sogar noch am 23. März 1943 Wahlen zum Folketing.5


Das Land blieb - unter Oberaufsicht des Auswärtigen Amtes in Berlin - formal ein autonomer Staat und galt bei den Deutschen als “Musterprotektorat”, das sich selbst verwaltete. Ein befriedetes Dänemark war für die deutsche Kriegswirtschaft sehr wichtig. Das Agrarland wurde zu einem der wichtigsten Nahrungsmittellieferanten für Deutschland im Kriege, die dänischen Werften wurden als Repararturstätten für die deutsche Flotte notwendig gebraucht, der Weg der schwedischen Erzlieferungen für die deutsche Rüstungsindustrie blieb offen.


Bis zum August 1943 dauerte diese Periode an, aus der beide Seiten Nutzen zogen. Die Dänen sprechen heute von dieser Phase als der “Verhandlungszeit”, kritische Dänen freilich von Kollaboration. Schikanierung oder Verfolgungen der dänischen Juden durch die Deutschen während dieser Zeit hätten zum Rücktritt der Regierung, zu Unruhen im Lande und zur Gefährdung der Lieferungen nach Deutschland geführt. Sie unterblieben daher völlig. So unterblieb 1941 auch die Durchführung der Judensternverordnung.6 Selbst der Führer der dänischen NS, Frits Clausen, äußerte, daß Zehntausende arischer Dänen protestieren würden, wenn dänische Juden den Judenstern tragen müßten, und riet davon ab.7 Die dänischen Juden verhielten sich im übrigen unauffällig und fühlten sich relativ sicher.


Nach einer Welle von Sabotageakten der Freiheitskämpfer und um den Generalstreik in mehreren Großstädten gewaltsam zu beenden, wurde am 29. August 1943 der militärische Ausnahmezustand über Dänemark verhängt; die dänische Armee und die Polizei entwaffnet und interniert. Daraufhin trat die dänische Regierung zurück. Die dänische Flotte entzog sich der Übergabe an die Deutschen durch Selbstversenkung. Kaj Munk bezeichnete in einer Predigt am 29. August 1943 diesen Tag als einen stolzen Tag für Dänemark.8 Für ihn wie für viele Dänen waren die Fronten endlich klar: Es herrschte offen Krieg zwischen Dänemark und Deutschland, die Phase der Kollaboration war vorbei.


Die deutsche Staatsführung, Hitler, Himmler und Ribbentrop und der zeitweilig entmachtete Bevollmächtigte des deutschen Reiches in Dänemark, Dr. Werner Best,9 wollten diese Situation für die bislang aufgeschobene Eliminierung der dänischen Judenschaft nutzen. Dänemark sollte endlich mit Gewalt “judenfrei” gemacht werden, solange der Ausnahmezustand andauerte.


Best machte dazu detaillierte Vorschläge in Berlin, erbat zusätzliche Polizeikräfte und ein großes Schiff zum Abtransport der dänischen Juden über die Ostsee in die Vernichtungslager des Ostens, wies aber auch auf die Schwierigkeiten der Aktion, den zu erwartenden Protest der Bevölkerung, die schwachen eigenen Sicherheitskräfte, die Gefährdung der Lebensmittellieferungen nach Deutschland hin. Als Termin der Aktion wurde die Nacht vom 1. zum 2. Oktober 1943 festgesetzt. Die Führung der deutschen Besatzungsarmee in Dänemark riet wegen der zu erwartenden Unruhen grundsätzlich ab und verweigerte im Vorfeld jegliche Hilfe zu diesem Unternehmen.


Mit Wissen Best’s verriet der Marinesachverständige der deutschen Botschaft in Kopenhagen, Georg Ferdinand Duckwitz,10 den Termin der Aktion an dänische Politiker und Repräsentanten der Freiheitsbewegung. Diese verständigten die jüdische Gemeinde und die dänischen lutherischen Bischöfe. Dänemark war alarmiert! Sogleich tauchten fast alle dänischen Juden unter. Sie wurden in Krankenhäusern, Kirchen, Gemeindehäusern usw. im Lande versteckt und größtenteils bei Nacht und Nebel, unter abenteuerlichen Verhältnissen mit allen möglichen kleinen Seefahrzeugen über die Ostsee nach Schweden gebracht. Zigtausende von Dänen beteiligten sich an diesen Untergrundaktionen, die längere Zeit anhielten. Die dänischen Freiheitskämpfer sprachen - voll Spott gegenüber dem Lebensmittelexport der Kollaborateure - von “Judenexport” Es gibt zahllose Einzelberichte über schwierige und am Ende doch erfolgreiche Rettungen, doch auch von Tragödien wie der Verhaftung von 80 Juden am 6. Oktober, die auf dem Boden des Dachs der Kirche von Gilleleije auf Seeland versteckt worden waren.


Die schwedische Regierung erklärte sich über Radio - damit war die Sache öffentlich - zur Aufnahme sämtlicher ins Land strömenden jüdischen Flüchtlinge bereit. Das war ein Erfolg der Bemühungen des weltberühmten Atomphysikers Niels Bohr, der aus dänisch-jüdischem Milieu stammte und sich zu der Zeit in Schweden aufhielt. Es ging aber wohl auch auf Verhandlungen zurück, die Duckwitz - mit Wissen Best’s - mit schwedischen Behörden führte.


Fraglos haben sich sowohl Best als auch Duckwitz über persönliche Direktiven Hitlers hinweggesetzt. Das hätte ihren Kopf kosten können. Best hat sich nach 1945 vor Gericht in Kopenhagen damit in ein gutes Licht gesetzt, daß er erklärte, er habe das Leben der dänischen Juden retten wollen. Tatsächlich hat er 1943, als die Verhaftung der Juden in der Beurteilung der deutschen Führung in Berlin als großer Fehlschlag gewertet wurde, einem Beamten des Auswärtigen Amtes erklärt, die Aktion sei im Endeffekt sehr erfolgreich gewesen, denn Dänemark sei jetzt völlig “entjudet”.11


Die Empörung über die Durchführung der “Judenaktion” markierte im besetzten Dänemark den Übergang von passivem zu aktivem Widerstand eines größeren Teils der Bevölkerung. Am 29. September 1943 ließen die Bischöfe der dänischen lutherischen Staatskirche durch die dänische Regierung den Vertretern der Besatzungsmacht folgende Erklärung übergeben:


Die Haltung der dänischen Kirche zur Judenfrage


Wenn eine Verfolgung von Juden aus rassischen oder religiösen Gründen erfolgt, ist es die Pflicht der christlichen Kirche, dagegen zu protestieren.


Erstens: Weil wir niemals vergessen dürfen, daß der Herr der Kirche, Jesus Christus, in Bethlehem von der Jungfrau Maria geboren wurde gemäß der Verheißungen Gottes an sein auserwähltes Volk Israel. Die Geschichte des jüdischen Volkes bis zur Geburt Christi enthält die Vorbereitung auf das Heil in sich, das Gott für die ganze Menschheit in Christus bereitet hat. Das wird durch die Tatsache verdeutlicht, daß das Alte Testament Teil unserer Bibel ist.


Zweitens: Weil eine Verfolgung von Juden in krassem Gegensatz zu den Werten der Humanität und der Nächstenliebe steht, die sich aus der Botschaft herleiten, die die Kirche Jesu Christi zu verkündigen hat. Es gilt kein Ansehen der Person vor Christus, und Er hat uns zu sehen gelehrt, daß jedes einzelne menschliche Leben vor Gottes Angesicht wertvoll ist (Galater 3, 28).


Drittens: Weil es gegen das Rechtsbewußtsein verstößt, das im dänischen Volk gilt und das fest eingewurzelt wurde in den Jahrhunderten dänisch-christlicher Kultur. Auf Grund dessen wird in der Verfassung festgestellt, daß alle dänischen Bürger die gleichen Rechte und Pflichten vor dem Gesetz haben sowie eine garantierte Religionsfreiheit als das Recht, Gott zu verehren entsprechend ihrer Berufung und ihres Gewissens. Diese (Religions-) Freiheit garantiert, daß Rasse und Religion als solche niemals der Grund sein dürfen für die Beraubung der Bürgerrechte, der Freiheit oder des Eigentums. Trotz divergierender religiöser Anschauungen werden wir für unsere jüdischen Brüder und Schwestern kämpfen, daß sie dieselbe Freiheit behalten, die wir höher schätzen als das Leben.


Wir Leiter der dänischen Kirche besitzen ein klares Verständnis unserer Verpflichtung, gesetzestreue Bürger zu sein, die sich nicht unbedacht gegen die erheben, die die Macht über uns ausüben. Aber zur selben Zeit sind wir in unserm Gewissen gebunden, Gerechtigkeit zu verlangen und zu protestieren gegen jegliche Verletzung der bürgerlichen Rechte. Deswegen, sollte der Augenblick der Entscheidung kommen, werden wir unzweideutig das Wort befolgen, daß wir Gott mehr gehorchen müssen als den Menschen.


Im Namen der Bischöfe: H. Fuglsang-Damgaard12


Diese Protesterklärung war weitsichtig eine ganze Zeit zuvor von einer Gruppierung politisch bewußter, kritischer Pfarrer - “Præsternes uofficielle Forening” (PUF) - zusammen mit Bischof Fuglsang-Damgaard erarbeitet worden. Sie wurde von den sieben Bischöfen der lutherischen Staatskirche auch an alle Pfarrer gesandt und am 3. Oktober von allen 1200 Kanzeln als Hirtenbrief verlesen 13 - auch in der Kirche von Vedersø durch Kaj Munk.


Am 4. Oktober 1943 verbreitete der dänische Freiheitsrat, der sich am 16. September 1943 konstituiert hatte, folgende öffentliche Erklärung aus dem Untergrund:


Der dänische Freiheitsrat verurteilt scharf die Pogrome, die die Deutschen gegen die Juden in unserem Land in Gang gesetzt haben.


Die Juden bilden innerhalb unserer dänischen Bevölkerung nicht eine abgesonderte, spezielle Kaste, sondern sie sind genau so dänische Bürger wie alle anderen. Mit den antijüdischen Pogromen beginnen die Deutschen somit, den dänischen Rechtsstaat und die dänische Rechtsordnung systematisch zu zerstören. Deswegen muß ab jetzt jeder Kontakt zwischen dänischen und deutschen Aktivitäten abgebrochen werden. Daher fordern wir hiermit jedes Mitglied der dänischen Verwaltung oder Polizei auf, alle Kooperation mit den Deutschen abzulehnen, und alle dänischen Arbeiter, jegliche Arbeiten für die Besatzungsmacht einzustellen oder zu verweigern.


Der Freiheitsrat stellt fest, daß die Deutschen wie üblich die Juden beschuldigen, hinter den Sabotageanschlägen und dem Aufruhr in Dänemark zu stehen, aber noch nicht einmal versucht haben, auch nur den geringsten Beweis für diese Behauptung zu erbringen. Wir Dänen wissen, daß die ganze Bevölkerung hinter dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer steht. Der Freiheitsrat ruft die dänische Bevölkerung auf, auf jede nur möglichen Weise den jüdischen Mitbürgern zu helfen, die noch nicht ins Ausland flüchten konnten.


Jeder Däne, der es unternimmt, den Deutschen bei ihrer Menschenjagd zu helfen, ist ein Vaterlandsverräter und wird als solcher bestraft, wenn Deutschland niedergerungen ist.14


Das deutsche Militär begünstigte größtenteils die dänischen Rettungsaktionen, obwohl auch von Brutalitäten der deutschen Einsatzkommandos berichtet wird.


In Kopenhagen verhaftet


Am 1. Oktober um 22 Uhr wurde plötzlich heftig an meine Wohnungstür geklopft. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu öffnen. Vor mir standen zwei riesige deutsche Soldaten mit Gewehren in den Händen, außerdem drei in Zivil gekleidete Personen, die drohend mit ihren Revolvern fuchtelten. Sie befahlen mir, mich sofort anzuziehen, und wühlten in der Zwischenzeit alle meine Schränke durch. Es waren nicht einmal fünf Minuten vergangen, als sie mir befahlen, ihnen zu folgen. Dabei raunten sie mir fast vertraulich zu, daß es erlaubt sei, Bargeld und Wertsachen mitzunehmen.


Die Soldaten ließen mich ein Stück vorausgehen, und ich erwog in Gedanken, ob sich vielleicht eine Fluchtmöglichkeit bot. Ich traute mich jedoch nicht, ein so großes Risiko einzugehen. Endlich hielten wir vor der Tür des “Forums” an, wo deutsche Offiziere standen. Einer von ihnen war besonders aggressiv und versetzte mir einige harte Schläge auf den Kopf, so daß ich umfiel, und ein anderer befahl, kaum daß ich wieder auf den Beinen war, mich an die Mauer zu stellen. Der Platz, auf dem ich stand, war von Scheinwerfern erleuchtet, es war mir jedoch nicht möglich, die Person zu erkennen, die den Soldaten befahl: “Anlegen!” Ich wartete ruhig und gefaßt darauf, welche Körperteile zuerst von den Kugeln getroffen würden, und wünschte mir, mein Leben schnell und ohne lange Qualen beenden zu können. In diesen wenigen Sekunden dachte ich an meine Familie. Plötzlich hörte ich eine neue Stimme, die mir befahl, auf einen LKW zu steigen, der in der Nähe stand.


Ich erreichte den Wagen in der Dunkelheit, mußte hinaufklettern und verblieb einige Zeit in volllkommener Dunkelheit, eingeschlossen. Dann wurde aufgemacht, und einige Leute wurden hereingelassen, danach wurde wieder abgeschlossen. Der LKW wurde so beladen, daß wir uns alle klein machen mußten, um überhaupt Platz zu haben. Endlich wurde abgefahren - aber wohin, das wußte keiner von uns.15


Die deutschen Schnellboote der Küstenbewachung vor Seeland waren zu der Zeit zur Wartung aufgedockt, so daß die Passage nach Schweden wenig kontrolliert werden konnte. Duckwitz hatte den Kommandanten der deutschen Marineeinheiten in Kopenhagen dahingehend beeinflußt.


History Footnote


To the editor of “The Jerusalem Post”: Sir, the story of the Britain naval officer who in 1939 let the ship “Arthemisia” unload its refugees on the beach of Herzliya before going in action to capture the empty ship (letter from George Taussing on January 15, 1979) has a parallel in colder waters.


In Oktober 1943, when the Yews of Denmark were being hidden in order to keep them from being sent to concentration camps by the occupying German forces, my neighbour organized and ran a fishing boat service which took groups of Jews across the sea, at night, to safety in neutral Sweden. The German navy patrolled the sea between Denmark and Sweden; some boats were caught, but most were not. The Jews who were caught were sent to Germany and the non Jewish Danish crew were either sent with them or shot.


On a dark and rough night, my neighbour sailed with lights out and the fish-hold full of Danish Jews. He was caught in the searchlight of a German navy patrol boat which ordered him to stop, and kept him covered.


The German captain shouted: “What are you carrying?” And Ole shouted back: “Fish.” The captain then jumped onto the deck of the boat, leaving his crew to cover him, and demanded that the hatches to the fish-holds be removed. He stared a long time at several dozen frightened people looking up to him. Finally, he turned and said to Ole, in a loud voice that could be heard by his own crew as well: “Ah, fish!” Then he turned to his boat and sailed into the night.


Ulrik Plesner


Moshav Amidnadav16


Als die Polizeiaktion begann, hatten die deutschen Einsatzgruppen den Befehl, nur einmal an jüdischen Wohnungstüren zu klingeln und gleich wieder abzuziehen und nicht mit Gewalt in die Wohnung einzudringen, wenn niemand aufmachte. So wurden statt der ungefähr 8000 dänischen Juden nur an die 600 verhaftet, meist alte, gebrechliche oder mittellose Leute. Ein Teil von ihnen entkam dann noch aus den Lagerschuppen am Hafen, wo sie gefangen gehalten wurden.


Wegen der großen Proteste der Bevölkerung, die in der internationalen Presse ausführlich kommentiert wurden - es handelte sich um deutsche Judenverfolgungen in einem nominell noch immer autonomen Land - wurden die restlichen 481 in deutscher Hand befindlichen dänischen Juden nicht in die Vernichtungslager im Osten, sondern 454 von ihnen zunächst in das “Muster-KZ” Theresieenstadt gebracht. Dort wurden sie mehrfach von Delegationen des Internationalen Kreuzes besucht. Ungefähr 20 dänische Juden wurden nach Ravensbrück und Sachsenhausen abtransportiert; drei jungen Männern gelang unterwegs die Flucht.


Aufgrund massiver dänischer Proteste reiste Adolf Eichmann am 2. November 1943 nach Kopenhagen und sagte Best zu, daß dänische Juden über 60 Jahren nicht mehr festgenommen würden, Halbjuden und Juden in Mischehen nach Dänemark zurückkehren und daß die dänischen Juden in Theresienstadt bleiben könnten und nicht “in den Osten” weiter transportiert würden. Noch 1960 vor Gericht in Jerusalem ärgerte er sich: “Dänemark hat uns mehr Schwierigkeiten bereitet als jedes andere Land.”17


Von den verschleppten dänischen Juden überlebten 431. Die im KZ starben, erlagen normalen Krankheiten. Als Fazit bleibt: Fast die gesamte dänische Judenschaft entkam dem Holocaust, weil sich die übrigen Dänen vor ihre jüdischen Volksgenossen stellten.


Wie kam es, daß in diesem kleinen skandinavischen Land ein so sensibles öffentliches Klima in bezug auf die Verfolgung der jüdischen Mitbürger herrschte?


Ein in seiner Bedeutung bisher unzureichend herausgestellter Faktor bei der Sensibilisierung der dänischen Öffentlichkeit stellt die prophetische Botschaft des Pfarrers und Dichters Kaj Munk dar. Unermüdlich - und weithin zustimmend beachtet - protestierte er gegen die ideologische Verherrlichung der nordischen Rasse, gegen die Judenverfolgungen im deutschen Machtbereich seit 1933 und dagegen, daß im deutschen Protestantismus die Einsicht weithin fehlte, daß Jesus von Nazaret ein Jude war und die Judenverfolgungen sich also gegen die Geschwister Jesu richteten.


Kaj Munk wurde am 13. Januar 1898 in Maribo auf Lolland geboren. Sein Vater war Gerbermeister, Besitzer eines eigenen Betriebes, seine Mutter stammte von einem Bauernhof. Beide Eltern starben kurz hintereinander, als Kaj noch sehr jung war. Er wurde von kinderlosen Verwandten, Kleinbauern in Opager bei Maribo, adoptiert. Diese hielten sich zu erwecklichen Kreisen der “Indre Mission”. Die Freude an Gottes Wort und die standfeste Gläubigkeit seiner neuen Eltern, besonders der durch ein heimtückisches Beinleiden behinderten Mutter Marie, prägten ihn entscheidend.


Sein Lehrer in der Volksschule, Mart Wested, und ein junger Pastor in der Gemeinde, Oscar Geismar, beide Volkspädagogen im Sinne Grundtvigs, erkannten seine Begabung und förderten sein literarisches Talent. Ihnen verdankt er die Ehrfurcht vor den christlichen Werten, die das dänische Volk bestimmten, und sie weckten in ihm die Freude an Menschheitsgeschichte und Literatur.


Schon als junger Mensch verfaßte Kaj Munk beachtliche Texte: Balladen, Gedichtzyklen, Dramen. Er überlegte sogar, das Theologiestudium, das ihm seine Eltern unter großen Opfern ermöglichten, zugunsten ausschließlich schriftstellerischer Tätigkeit aufzugeben. Davon hielt aber seine Mutter überhaupt nichts. So studierte er weiter und bestand das Examen für das Pfarramt.


Vom Januar 1924 bis zu seiner Ermordung im Januar 1944 lebte und arbeitete er hingebungsvoll als Pfarrer in Vedersø bei Ulfborg, einer kleinen Landgemeinde direkt an der Nordsee. Bis heute erzählt man sich dort Geschichten, die man mit Pastor Munk - dem treuen Seelsorger, dem leidenschaftlichen Jäger, dem fröhlichen Familenvater, dem entschiedenen Gegner des Alkohols - erlebte. Aber er führte auch in der Abgeschiedenheit der kargen Dünenlandschaft seine literarischen Arbeiten weiter. Im Jahre 1928 spielte das Königliche Theater in Kopenhagen erstmals sein Bühnenstück über Herodes den Großen: “Ein Idealist”. Dadurch wurde er als Dramatiker bekannt. Mitte der dreißiger Jahre spielte man in Kopenhagen zeitweilig vier Stücke von ihm in verschiedenen Theatern gleichzeitig. Die königliche Regierung ehrte ihn mit einem jährlichen Dichtersold, den er seiner Gemeideschwester und der Armenkasse des Dorfes weitergab.


Zwei Schauspiele besonders begründeten seinen Ruhm in ganz Skandinavien: “Das Wort” heißt das eine. Es spielt unter den Bauern eines jütländischen Dorfes und handelt vom unfaßbaren, frühen Sterben, vom Glauben an das Wunder der Auferweckung, von Vernunft und Wahnsinn. “Das Wort” wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch den großen dänischen Regisseur Carl Theodor Dreyer verfilmt. Von dem anderen Theaterstück, “Er sitzt am Schmelztiegel”, wird später noch ausführlich die Rede sein.


Kaj Munk war in den dreißiger Jahren ein viel gelesener Kolumnist in den großen dänischen Tageszeitungen: Anfänglich war er ein Kritiker der parlamentarischen Demokratie und machte aus seiner Bewunderung für Mussolini keinen Hehl, was sich nach dem Überfall Italiens auf Abessinien schlagartig in sein Gegenteil verkehrte. Hitler sah er von Anfang an kritisch wegen der Terrorisierung der Juden seit dessen Machtübernahme. Das Rassedenken der Nationalsozialisten erschien ihm absurd. In den theologischen Äußerungen der Glaubensbewegung der “Deutschen Christen” sah er nichts als - zudem törichte . Häresien. Am 29. November 1936 veröffentlichte er in der “Jyllands-Posten” eine scharfe, ironische Auseinandersetzung mit dem Buch des deutschen Erfolgsautors Gustav Frenssen:18 “Der Glaube der Nordmark”, dessen dänische Übersetzung gerade erschienen war. Er überschrieb sie: “Das christenfeindliche Deutschland”19. Darin heißt es in bezug auf die Verherrlichung der nordischen Rasse:


Für uns Nordländer ist die deutsche Apotheose des Nordischen etwas Unerträgliches. Wir fragen mit spöttischem Lächeln, ob der Ariergeist etwas so Hervorragendes sein kann, da er sich fünfzehn Jahrhunderte lang von einem grünen Jungen wie Jehova tyrannisieren ließ. Wir zweifeln an der Kraft des deutschen Blutes, wenn wir hören, daß es ganz und gar verdorben sein soll bei einem Individuum, bei dessen Großmutter es vermutlich ein wenig nichtarischen Zusatz hatte. ... Und wir sind höchst erstaunt darüber, daß ein so stolzer und erhabener Stamm wie der germanische einen Bund mit den Italienern und Japanern suchen muß, um sich in der Welt zu behaupten. Schließlich notieren wir, daß ein germanisches Volk die Erde regiert, aber nicht das deutsche, sondern das englische, das es sich immer leisten konnte, auf eine Betonung der eigenen Vortrefflichkeit zu verzichten und es nie nötig hat, sich einen pfarramtlichen Ausweis über die Abstammung der Großmutter zu beschaffen.20


Und dann rechnet er mit dem Versuch Frenssens ab, die unauflösliche Verbindung zwischen Israel und den Christen, zwischen dem christlichen Gottesglauben und dem Juden Jesus von Nazaret wegzuinterpretieren:


Was ist das Zentrale im Christentum? Nicht Golgata, nicht der Versöhnungstod, nicht die Dreieinigkeit, nicht die Vergebung der Sünden, nicht die Jungfrauengeburt, nicht das Abendmahl. Das Zentrale im Christentum ist Jesus. Nicht weniger, nein, aber wahrhaftig auch nicht mehr ... Aber dieser Jesus war Nicht-Arier! Das müssen wir in der Tat zugeben. Als Gott seinen Sohn geboren werden ließ, konnte er dafür kein Herrenvolk mit der Anlage zum Größenwahn gebrauchen. Es ist groß, Arier zu sein, aber es ist doch noch größer, Mensch zu sein. ... Jesus war ein Jude, und "Sohn Davids" und "Sohn des Menschen" waren die zwei Würdenamen, die er so souverän miteinander vereinen konnte, daß zweitausend Jahre davor gekniet haben.21


Zu dem Juden Jesus hat Kaj Munk sich auch sonst deutlich bekannt. Gerade dieser Jude war Kern und Stern seines Glaubens,22 seiner Predigten,23 seiner politischen Kommentare und seiner Dichtkunst.24 Am 17 November 1938 - eine Woche nach dem reichsweiten Pogrom in Deutschland, erschien in der “Jyllands-Posten” Munks offener Brief an Mussolini.25 Darin bat er ihn, Hitler von den Judenverfolgungen abzubringen, sie seien eines großen Kulturvolkes unwürdig. Ferner ersuchte er ihn, sich an die Spitze einer weltweiten Bewegung zu stellen, den Juden in Palästina zu einem eigenen Staat zu verhelfen. Der eigentliche Adressat des Textes war natürlich die dänische Öffentlichkeit. Munk artikulierte nicht nur den Abscheu der Mehrzahl der Dänen gegenüber der “Reichskristallnacht”, sondern er benannte eine damals oft diskutierte, in der Folge des Holocaust tatsächlich realisierte politische Lösung: Die Juden sollen in Würde und Sicherheit wieder Heimatrecht in Palästina bekommen. Daß Munks offener Brief heftig in der dänischen Presse diskutiert und Gegenstand zahlreicher Karikaturen wurde, beweist, daß seine Botschaft Hirne und Herzen der Dänen erreicht hatte.

1938 brachte er das Schauspiel “Han sidder ved Smeltediglen” - “Er sitzt am Schmelztiegel”26 heraus, das die menschenverachtende Verfolgung der deutschen Juden zum Thema hat. Gleichzeitig zeigt er darin den hoffnungslosen Versuch einiger nationalsozialistischer Gelehrter, nachzuweisen, Jesus von Nazaret wäre ein reinrassiger Arier gewesen: Der Konflikt des Theaterstücks besteht darin, daß eine antike jüdische Tonskulptur eindeutig als die früheste Abbildung Jesu, des Juden aus Nazaret, identifiziert wird - und das von einer deutschen jüdischen Archäologin, die unter falscher Identität an der Berliner Universität arbeitet.


Kaj Munk stellte das Stück, noch bevor sich die Dänen mit der Theaterproduktion auseinandersetzen konnte, in zahlreichen öffentlichen Lesungen zur Diskussion, einmal in Kopenhagen vor 5.000 Zuhörern. Bis zum Beginn des 2. Weltkriegs sahen mehr als 160.000 dänische Zuschauer in fast allen größeren Städten den “Schmelztiegel”. Sie wurden dabei zum Beispiel mit solch absurden Haßtiraden eines deutschen Kulurfunktionärs konfrontiert:


Die Juden - der Kehricht im Rinnstein der Völker! Vaterlandslose Gesellen, die uns hassen, die wir ein Vaterland haben, diese aus allem Zusammenhang Herausgerissenen, die bar jeden Glaubens, bar aller Ideale sind, sie haben ihren widerlichen Zusammenhalt wie Ratten mit Krebsgeschwüren, denen die Schwänze zusammengewachsen sind. Alles Unglück stammt von ihnen: die Geldgier der Männer, die Liederlichkeit der Frauen, die Auflösung der Familien.27


Dem entgegnet in dem Stück ein deutscher Bischof ironisch, dann seien wohl auch die Juden daran schuld, wenn es regne und seine Frau die Wäsche nicht trocknen könne. Und dann sagt er ernst:


Ein Jude hat meinen deutschen Mund gelehrt, jeden Morgen und jeden Abend zu sprechen: “Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.” Geben Sie so, in christlichem Sinn, Lebensrecht für dieses Volk in unserem Volk. Denn die Menschenrechte anderen Menschen wegnehmen heißt, sich selbst zum Verbrecher zu machen.28


Die deutsche jüdische Archäologin Sarah Levi, alias Fräulein Schmidt, tröstet ihren verfolgten Bruder, der sich trotz der Verfolgung nur als Deutscher verstehen kann:


Die Verzweiflung hat Tausenden und Abertausenden unserer Landsleute zugemutet, während dieses Jahrhunderts auszuwandern. So können wir es auch machen, wenn unser Tag kommt. ... Ja, wir sind Deutsche. Aber wenn wir nicht mehr länger das Recht haben, es zu sein, so ist es gut, wenn es eine andere Nation gibt, in der wir Heimatrecht bekommen. Und das ist die jüdische. Und weißt du, was die jüdische Nation ist? Ich habe es von Jeremias gelernt - ja, ich habe angefangen die Propheten zu lesen - daß es die leidende ist. Alle unverschuldet Leidenden dieser Erde und alle selbstverschuldet leidenden Menschen dieser Erde - wir gehören alle gehören zu Jehovas Volk.29


Ihrem Chef, Professor Mensch, hält sie vor:


Ihr Deutschen redet davon, daß Deutschland gegen eine Welt von Feinden vier Jahre lang ausgehalten habe. Aber ich? Ich habe gegen die ganze Welt vier Jahrtausende ausgehalten. Schleppt mich nach Golgata, so oft ihr wollt. Ich erhebe mich vom Tode und stehe wieder auf zu neuem Leben. Unüberwindlich. Denn Jehova ist der Gott des Lebens.30


Der Archäologieprofessor Mensch, ein auf seine Studien konzentrierter, unpolitischer Gelehrter, Antisemit, wie damals die Mehrzahl der Deutschen, zerstört am Ende das tönerne Bildnis des Juden Jesus vor den Augen Hitlers. Aber dann - dem Führer und den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 zum Trotz - gibt er bekannt, daß er die Jüdin Sarah Levi heiraten wird. Ein überaus wirkungsvoller, überraschender Schluß. So stellte sich Munk mit seinen Kenntnissen des Jahres 1938 die Lösung vor: Der Jude Jesus lebt und wirkt in den Menschenherzen weiter, auch wenn man sein Bildnis zerstören und die historische Wahrheit über ihn verfälschen will. Er macht schwächliche Personen wie diesen Professor Mensch zu wahren Menschen, wenn sie es wagen, Menschlichkeit zu üben. Die Probe aufs Exempel wäre, den verfolgten Juden in Deutschland endlich die vollen Menschenrechte zu gewähren. Im übrigen haben sie Recht auf ein eigenes Land. Israel soll und wird weiterleben.


Man mache sich klar, was es bedeutet, daß 160.000 von 4,5 Millionen Dänen dieses Theaterstück auf sich wirken ließen, daß sie das Erlebte in ihren Herzen bewegten und miteinander darüber diskutierten, zu einer Zeit, als es noch nicht solche seelische Erregung produzierenden Massenmedien wie heute gab. Dann kann man ermessen, welchen Einfluß die prophetische Botschaft Kaj Munks in der Judenfrage auf die dänische Öffentlichkeit hatte und welches Resistenzpotential sich dadurch in der Bevölkerung aufbaute.31


Hier liegt der einmalige Fall vor, daß ein Schauspiel - der “Schmelztiegel - mitgeholfen hat, daß Hunderte von Menschenleben gerettet wurden! (Arnim Juhre, Mitglied des Deutschen PEN-Clubs)


Kaj Munks öffentlicher Protest gegen die Besetzung Dänemarks durch die Deutschen war scharf. Die Kollaboration vieler seiner Landleute lehnte er von Anfang an ab. Nach der Verhängung des Ausnahmezustands am 29. August 1943 wurde sein Ton noch schärfer. Er war davon überzeugt, daß auch die Dänen etwas tun müßten, um die tyrannische Herrschaft abzuschütteln - und das ging nur durch Gewalt. So finden sich in seinen Predigten unmißverständliche verschlüsselt-unverschlüsselte Aufrufe zum Sturz Hitlers.


Denn Verbrecher können die Macht über ganze Völker an sich reißen und alle bestehenden Werte umstürzen und so viel Schändlichkeiten und Leiden verursachen, daß der Tempelritter in uns aufgerufen wird. Und da geschieht es, daß wir Christi Wort als einen Befehl vernehmen: Hängt Mühlsteine um den Hals derer, die den Kleineren und Schwächeren ans Leben wollen.32


Die Dänen sollten sich nach Kaj Munks Willen auf die eigenen Befreiungstraditionen besinnen, einschließlich der früheren gewaltsamen Beseitigung von Tyrannen, die das Land unterjochten. Jedem Dänen war die historische Gestalt des Freiheitshelden aus dem Mittelalter Niels Ebbesen - der jütländische Bauer ist sozusagen der “dänische Wilhelm Tell” - bekannt. Dieser, ein durch und durch friedfertiger Mann, erschlug - trotz seiner Skrupel - am 10. April 1340 den Grafen Geert, einen deutschen Eindringling, der sich ganz Skandinaviens bemächtigen wollte. Kaj Munk schrieb gleich nach dem deutschen Überfall im Frühsommer 1940 ein Bühnenstück darüber, das 1942 sogar in Kopenhagen im Druck erschien. Nur wenige Exemplare der Auflage in Höhe von 16.000 Stück fielen der Polizei in die Hände, die übrigen “verteilte” die dänische Untergrundbewegung. Munk las und interpretierte Teile des Schauspiels vom Herbst 1940 an in zahlreichen dänischen Städten. Als er daran gehindert wurde, fanden sich viele andere, die diese Protestaktion fortsetzten und Lesungen des Freiheitsdramas veranstalteten.


In einer Predigt über den barmherzigen Samariter (Lukas 10,23-37) nannte Kaj Munk Niels Ebbesen’s Tyrannenmord sogar eine Tat der Barmherzigkeit:


Es gibt Mitmenschen, ... denen man am besten einen Dienst erweist, indem man sie totschlägt. Dies meine ich buchstäblich. Niels Ebbesen gegen den Grafen Geert zum Beispiel. Der kahlköpfige Graf hätte sich ein paar Jahre mehr Hölle erworben, wenn seine Verbrechen am 10. April 1340 nicht gestoppt worden wären. Und wenn es nicht aus Rücksicht auf den Grafen geschehen war, so war es doch eine barmherzige Samaritertat gegenüber dem mit Füßen getretenen, leidenden Volk. ... “Du sollst deinen Feind lieben” bedeutet nicht: “Du sollst dich auf ihn einstellen und ihm recht geben.” Ganz im Gegenteil. Du sollst ihn lieben, so daß du eher in sein Gesicht spuckst, als daß du das Verbrechen ihm gegenüber begehst, ihn glauben zu lassen, daß du schweigst und seine Vorhaben und Methoden billigst. Du sollst ihn lieben, weil er dein Mitmensch ist, aber du sollst ihn hassen in dem Maße, wie er das Böse ausübt und er um der Wahrheit willen, und nicht nur deinetwegen, dein Feind ist. ... Gottes Güte ist sanftmütig und geduldig, aber sie schließt nie mit dem Bösen einen Kompromiß.”33


Diese Predigt für den 13. Sonntag nach Trinitatis 1941 wurde im vollen Wortlaut veröffentlicht in der “Nationaltidende” und sodann in dem Predigtband “Ved Babylons Floder” der bis zum Kriegsende in fünf Auflagen mit insgesamt 13.000 Exemplaren verbreitet wurde. Kaj Munks mutige politische Predigten - 1942 erschien ein zweiter Predigtband: “Med Ordets Sværd”, auch mit fünf Auflagen und 14.000 Exemplaren bis 194534 - waren nicht nur in seinen Gottesdiensten zu hören, sondern einem großen Leserkreis zugänglich. Es ist keine Frage, daß dadurch das Resistenzpotential besonders unter den Christen in Dänemark verstärkt wurde. Zahlreiche Exemplare der beiden Predigtsammlungen gelangten auch nach Norwegen, sogar bis in die Zellen der politischen Gefangenen im Osloer Gestapogefängnis Grini, und ermutigten die dortigen Christen im Widerstand.35 Daß er sich durch seine Predigten in Lebensgefahr brachte, war Kaj Munk wohl bewußt. Als ihn sein Küster bat, doch vorsichtiger zu sein, antwortete er, er sei kein feiger Hund, der sich davon schliche, wenn er von einem Stärkeren bedroht würde. Er wolle eher sterben, als die Wahrheit zu verschweigen. Und - er stehe in der Verantwortung eines dänischen Pfarrers.


Kaj Munk liebte das Leben und suchte nicht den Märtyrertod, aber er konnte und wollte die Wahrheit auch nicht verschweigen. “Die Kirche ist der Ort, wo das Unrecht in den Bann getan, die Lüge entlarvt, die giftige Bosheit angeprangert werden muß - der Ort, wo Barmherzigkeit geübt werden soll als Quelle des Lebens, als Herzschlag der Menschheit.”


1948/49 erschien in Kopenhagen eine neunbändige Gedächtnisausgabe der Werke Kaj Munks: über zwanzig Schauspiele, Lyrik, Kirchenlieder, vaterländische Gedichte, Erzählungen, Kommentare und Essays zum Zeitgeschehen, eine Selbstbiographie, Predigten. Einige seiner Dramen - so: “Ein Idealist” -findet man auch heute auf dem Spielplan dänischer Bühnen. “Das Wort” und “Er sitzt am Schmelztiegel” sind bis heute Schullektüre. Seine Lieder stehen im Liederbuch der dänischen Volkshochschulen. Im dänischen Volk ist er als christlicher Märtyrer des politischen Widerstands unvergessen.


Im deutschsprachigen Raum - mit Ausnahme der Schweiz, hier erschienen Bücher von ihm und über ihn! - blieb Kaj Munk weithin unbekannt. Im Jahre 1998 gedenkt man in Dänemark des 100. Geburtstages Kaj Munks in Gottesdiensten, Vorträgen, Theateraufführungen und Seminaren. Darauf sollten wir in Deutschland aufmerken, um in Kaj Munk einem politisch wachen Christen mit Zivilcourage und einem Dichter mit starkem Engagement für die Bewahrung der Menschlichkeit zu begegnen. Und vor allem, um von ihm zu lernen, was es heißt, sich zur Zeit wie zur Unzeit zu Jesus zu bekennen, der ein Jude war.


Paul Gerhard Schoenborn, Dellbusch 298, D-42279 Wuppertal Stand: 12. 2. 1998

1 Kaj Munk, Mindeudgave, Bd.: “Praedikerner”, Nyt Nordisk Forlag Arnold Busck, Kjøbenhavn 1948, S. 349ff.

2 Zu Person, Lebenswerk und Märtyrertod Kaj Munks vgl. das Kapitel “Kaj Munk - Märtyrer um des offenen Wortes willen” in: Paul Gerhard Schoenborn, Alphabete der Nachfolge - Märtyrer des politischen Christus, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1996, S. 48-78

3 Zum Thema “Rettung der dänischen Juden” vgl.: Jørgen Glenthøj, The Little Dunkerque: The Danish Rescue of the Jews in Oct. 1943, in Michael D. Ryon (Ed.), Human Responses to the Holocaust: Perpetrators and Victims, Bystanders and Resisters, Papers of the 1979 Bernhard E. Olson Scholars’ Conference on the Church Struggle and the Holocaust, The Edwin Mellem Press, New York and Toronto 1980, S. 93-119, ferner: Königlich Dänisches Ministerium des Äußeren und das Museum des dänischen Widerstandes 1940-1945 (Hg.), Oktober 1943: Die dänischen Juden - Rettung vor der Vernichtung, Kopenhagen 1993, S. 12ff; ferner: Süddeutsche Zeitung 2./3. Oktober 1993, S. 9 “Stiller Volksaufstand gegen den Holocaust”

4 Jørgen Glenthøj, a.a.O. S. 94

5 dazu: Johan Hvidtfeld, Ib Koch-Olsen, Axel Steenberg, Dänemark im 2. Weltkrieg - Die deutsche Besetzung 1940-1945, Kjøbenhavn 1950/51, S. 45-48

6 Daß König Christian X androhte, auch er und die Minister seiner Regierung würden den Judenstern tragen, falls die entsprechende Verordnung nicht zurückgenommen werde, ist wohl nur eine im Kern richtige Legende. Das Diktum läßt sich - so Jørgen Glenthøj - nicht durch einen Zeugen oder ein Dokument belegen; vgl.: Jørgen Glenthøj, a. a. O. S. 98. Es war im ganzen Land bekannt, daß König Christian X. sich seit dem Einfall der Deutschen eindeutig vor die dänischen Juden stellte. Kurz vor der deutschen Judenaktion am 1./2. Oktober 1943 richtete er ein scharfes Schreiben über den Reichsbevollmächtigten Dr. Best an den deutschen Außenminister Ribbentrop. Darin heißt es: “Nachdem mir bekannt geworden ist, wonach man deutscherseits beabsichtigt, Schritte gegen die Juden in Dänemark zu unternehmen, ist es mir, nicht nur aus menschlicher Sorge für die Bürger meines Landes, sondern auch aus Furcht vor den weiteren Konsequenzen in den künftigen Beziehungen zwischen Dänemark und Deutschland, sehr daran gelegen, Ihnen gegenüber hervorzuheben, daß Sondermaßnahmen gegen eine Gruppe von Menschen, die seit mehr als 100 Jahren die vollen bürgerlichen Rechte in Dänemark genießen, die schwersten Folgen haben könnten.”


7 Jørgen Glenthøj, a. a. O. S. 98

8 Kaj Munk, Mindeudgave, Bd.: “Praedikerner”, S. 345

9 zur Rolle von Best vgl.: Ulrich Herbert, Best - Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903-1989, Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger, Bonn, 2. Auflage 1996, besonders S. 323 - 434, ferner Siegfried Matlok (Hg.): Dänemark in Hitlers Hand. Der Bericht des Reichsbevollmächtigten Werner Best über seine Besatzungspolitik in Dänemark, Husum-Verlag, Husum 1988

10 zu Rolle und Bedeutung von Duckwitz vgl.: Johannes Dose, Georg Ferdinand Duckwitz in Dänemark 1943-1945, 2. erweiterte Auflage, Reihe: Berichte und Dokumentationen, hg. vom Auswärtigem Amt, Bonn 1992;

11 Ulrich Herbert, Best, Kapitel “Forschung und Legenden”, S. 368-373, besonders S.370 - Aktennotiz von F.-A. Six über ein Gespräch mit Best vom 25. 10. 1943 - Es sprengt den Rahmen dieser Arbeit, Bests Rolle im Dritten Reich und im Nachkriegsdeutschland in einem längeren Exkurs nachzuzeichnen. Hier nur soviel: Best war einer der willigen juristischen Helfer Hitlers; so hat er 1934 die Tötungslisten anläßlich der Niederschlagung der sogenannten Röhmrevolte aufgestellt. Er war später einer der fähigsten Mitarbeiter Himmlers, unter anderem als Personalchef der berüchtigten Einsatzgruppen im Osten. Er hat keineswegs aus humanitären Gründen, sondern aus taktischen und politischen Erwägungen - vor allem, um die Lebensmittellieferungen nicht zu gefährden - die dänischen Juden entkommen lassen. Er fühlte sich Hitler als politischer Gestalter überlegen; Der Führer wies Best in dieser Zeit einmal wütend aus dem Zimmer - “Raus! Sofort raus!” - weil dieser ihm in’s Angesicht widersprach. Darum riskierte Best, Hitlers Anweisung, die dänischen Juden seien zu eliminieren, nicht auszuführen, sondern er drängte sie durch sein diplomatisches Doppelspiel aus dem Land, hinüber nach Schweden. Nach dem Krieg war Best, der zunächst in Kopenhagen zum Tode verurteilt und später begnadigt wurde, Justitiar des Stinneskonzerns in Mülheim. Er gehörte zum rechten Flügel der FDP in Nordrhein-Westfalen und hat als Rechtsberater - dabei stets im Hintergrund - zahllosen Kameraden aus SS und Polizei bei Kriegsverbrecherprozessen geholfen. Von ihm stammt die verteidigende Rechtsfigur des “putativen Befehlsnotstandes”. Die Darstellung seines Wirkens in Dänemark, die Best im Gefängnis in Kopenhagen niederschrieb und die von Siegfried Matlok Jahrzehnte später veröffentlicht wurde, ist in meinen Augen ein Konstrukt zur Selbstverteidigung und hat sowohl die zeitgeschichtliche Forschung als auch populäre Darstellungen irregeführt.

12 Text in: Jørgen Glenthøj, Kirkelige Dokumenter fra Besaettelsestiden, Selbstverlag des Herausgebers 1985, S.10f; zur Vorgeschichte: Henrik Fossing, Die Haltung der dänischen Kirche gegenüber der Obrigkeit während der deutschen Besetzung (1940-1945), in: Ulrich Duchrow (Hg.), Zwei Reiche und Regimente: Ideologie oder evangelische Orientierung? Internationale Fallbeispiele zur Theorie und Praxis lutherischer Kirchen im 20. Jahrhundert, Gütersloh 1977 S. 97-118, bes. S. 108-113

13 Henrik Fossing a.a.O. S. 108

14 Jørgen Glenthøj, The Little Dunkerque, S. 109f

15 Bericht aus dem Yad Vashem, Jerusalem, in: Königlich Dänisches Ministerium des Äußeren (Hg.), a. a. O. S. 13

16 Zeitungsausriß aus “The Jerusalem Post” vom 30. Januar 1979, übermittelt von L. Kopecky

17 Königlich Dänisches Ministerium des Äußeren (Hg.), a. a. O. S. 18

18 zu Frenssen: Rainer Lächele, Germanisiertes Christentum - Der Bestseller-Autor Gustav Frenssen, in: Evangelische Kommentare, Stuttgart 2/1997, S. 107-109

19 Kaj Munk, Mindeudgave, Bd.: “En Digters Vej og andere Artikler”, S. 271-276

20 ebda S. 274

21 ebda S. 274f

22 Alfred Otto Schwede, Verankert im Unsichtbaren. Das Leben Kaj Munks, Evangelische Verlagsanstalt,

Berlin, zweite Auflage 1971

23 Christian Eisenberg, Die politische Predigt Kaj Munks, Verlag Peter D. Lang, Frankfurt am Main, Bern, Cirenchester/UK 1980, besonders S. 65-75

24 Ebbe Neergaard, Kaj Munk - Ein Dichter zwischen zwei Weltkriegen, (Übersetzung: Maria Bachmann-Isler), Artemis Verlag, Zürich 1945

25 Kaj Munk, Mindeudgave, Bd.: “Dagen er inde og andre Artikler”, S. 67-69

26 Kaj Munk, Mindeudgave, Bd.: “Egelykke og andere Skuspil”, S. 7-54

27 ebda, S. 36

28 ebda, S. .37

29 ebda, S. 27f

30 ebda, S. 51

31 Zur Wirkungsgeschichte des “Schmelztiegel” in den Jahren 1938 und 1939 vgl. Bjarne Nielsen Brovst, Kaj Munk og den stærke Mand, Centrum, Aarhus 1992, S. 357-416

32 Kaj Munk, Mindeudgave, Bd.: “Praedikerner”, S. 258

33 ebda, S. 161f

34 vgl.: Ove Marcussen Kaj Munks Bøger, N. C. Roms Forlag, Kjøbenhavn 1955, S. 46 und 49

35 Torleiv Austad, Kaj Munk sett i lys av den norske kirkekamp, in: Kaj Munk - Dansk rebel og international inspirator Kaj Munk, Akademisk Forlag, Kjøbenhavn 1995, S. 179f


Kaj Munk - der politische Pfarrer und Dichter, den die SS erschoss

TRANSPARENT hat in manchen seiner Ausgaben auf den dänischen Pfarrer, Dichter und Märtyrer Kaj Munk (1898 – 1944) aufmerksam gemacht. Sein Theaterstück „Er sitzt am Schmelztiegel“ ist in vielen Gemeinden und auch im Haus der Begegnung in der Inszenierung von Deiter Schermeier von Isabel Sandig und Ralf Gottesleben aufgeführt worden, zuletzt in diesem Jahr anlässlich des 70. Geburtstags von Klaus Matthes.

Nun bringt TRANSPARENT ein letztes Mal einen Beitrag zu Kaj Munk: Stichworte zum Vortrag von Paul Gerhard Schoenborn vor der Gruppe Bergisches Land des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS). Darin ein Schmankerl: die auch von Dänen, die des Deutschen mächtig sind, gerühmte Nachdichtung des berühmten Liedes von Kaj Munk „Die blaue Anemone“des rheinischen Pfarrers, Dichters und Krimiautors und Schriftstellers Christian Hartung aus Kirchberg im Hunsrück.

Kaj Munk - der politische Pfarrer und Dichter, den die SS erschoss

Ich soll Ihnen berichten über einen Pfarrer und Dichter, der zum Märtyrer wurde, ich soll berichten über Kaj Munk, den Erneuerer des skandinavischen Theaters in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts und Opfer eines SS-Terrorschlages im Januar 1944. Drei Komplexe werde ich Ihnen vortragen, nämlich zur Person, zur politischen Einstellung und zum literarischen Schaffen Kaj Munks. Mehr Informationen finden Sie in der deutschen Ausgabe von Wikipedia.

Zur Person Kaj Munks

Geboren am 13. Januar 1898 in Maribo, einer Kleinstadt auf der Insel Lolland, getauft als Kaj Harald Leininger Petersen. Die Eltern, der Gerbermeister Carl Emanuel Petersen und seine Frau Anne Mathilde, sterben früh, mit fünf Jahren ist der Kleine Vollwaise. Verwandte der Mutter, die Kleinbauern Peter und Marie Munk aus Opager, einem kleinen Dorf sechs Kilometer von Maribo entfernt, nehmen ihn auf und adoptieren ihn. Von ihnen bekommt er den Namen Munk.

Kaj Munk stammt also aus dem Milieu von Handwerkern und Kleinbauern – untere Mittelschicht - nicht aus dem Milieu von Großbürgern und Großbauern oder von Menschen mit akademischer Bildung.

Der Verlust beider Eltern, besonders der Mutter, wirkt tief auf seine Seele ein. Es dauert eine Zeit, bis er die Liebe seiner Pflegeeltern akzeptiert, dann aber ist er ihnen wirklich wie ein Kind bis zu ihrem Lebensende zugetan. Besonders Marie Munk, leicht behindert, doch willensstark und eine gläubige Pietistin, überträgt auf ihn Willensstärke, Gradlinigkeit und einen konservativen Wertekosmos.

Zu Beginn der Schulzeit hat er Riesenglück, er trifft auf einen wirklichen und herzensguten Lehrer. Martinus Wested ist Grundtvigianer, ein vielseitig gebildeter christlicher Humanist. Er erkennt die sprachliche, dichterische Begabung des kleinen Kaj und fördert sie, ebenso wie auch der grundtvigianische Vikar Oscar Geismar, später Oberhofprediger in Kopenhagen. Beide führen den Jungen ein in dänische Geschichte und Literatur und begleiteten ihn in enger Freundschaft, solange er lebt.

Starke Gegenpole bestimmten also den Heranwachsenden: Eltern im Himmel und Eltern auf der Erde, pietistische Frömmigkeit und Glaubensentschiedenheit der Kleinbauern und grundtvigianischer, dänischer, patriotischer Kulturprotestantismus der Lehrer.

Physisch ist er nicht der Stärkste, gleicht das aber aus durch einen starken Willen. Psychisch ist er hin- und hergerissen von starken seelischen Spannungen und eruptiven Emotionen. Er vereinigt absolute Gegensätze in sich, kokettiert mit seinem Sprachwitz und seinen dialektischen Fähigkeiten, ist manchmal genialisch rasch, manchmal auf den Tod matt, also wohl ein manisch-depressiver Typus.

Seine Schulleistungen sind hervorragend. Trotz der beschränkten finanziellen Mittel einer Kleinbauernfamilie ermöglichen ihm die Munks ein Theologiestudium.

Das sinnlose Blutvergießen des ersten Weltkriegs löste, wie wir wissen, allgemein in Europa eine Kulturkrise aus, bei Kaj Munk bewirkt es eine starke religiöse Krise. Durch Berichte über die blutige Realität auf den Kriegsschauplätzen des Ersten Weltkriegs wird sein kindlich-vertrauensvoller Glaube an Gott radikal in Frage gestellt. Zeitlebens bleibt sinnloser, früher Tod eine existentielle Anfechtung für ihn. Sein Kinderglaube an den lieben und guten Gott zerbricht und muss neu erkämpft werden. Später radikalisiert ihn zusätzlich die Beschäftigung mit Sören Kierkegaard.

Gleichzeitig trägt ihn aber seine pietistische Unterströmung. Kaj Munk studiert gründlich Theologie, aber er wird kein theologischer Gelehrter. Er bekommt einen festen Glaubensgrund, das ist für ihn der Jude Jesus. Am 10. November 1923 um 8,48 Uhr morgens notiert er auf einen Zettel, den er danach stets bei sich trägt: „Was ist Christentum – Ehrfurcht vor Christus.“ Trotz erheblicher Glaubenszweifel im Übergang vom heilen und hellen Kinderglauben zum angefochtenen Glauben eines mündigen Erwachsenen hört er nicht auf, treulich Tag für Tag zu beten.

Er hat sein theologisches Dienstexamen noch nicht ganz abgeschlossen, als er sich auf die Pfarrstelle der kleinen Dreihundert- Seelen-Gemeinde Vedersø direkt an der Nordseeküste Jütlands bewirbt. Von Januar 1924 bis Januar 1944 amtiert er dort als Dorfpfarrer, der in Dänemark seinem Status nach königlicher Beamter ist. Er geht auf die Jagd, wirkt unter Bauern, Fischern und Tagelöhnern durchaus exzentrisch, ist sozusagen ein seltsamer Vogel, wird gefeierter Bühnenautor, Kolumnist, gesuchter Redner, verdient sehr gut an seiner schriftstellerischen Nebenarbeit, heiratet eine Großbauerntochter aus seiner Gemeinde, wird Vater von fünf Kindern. Und bleibt bei all seiner Umtriebigkeit ein treuer Seelsorger, auf den die Gemeinde stolz ist, weniger sein Bischof.

Am 9. April 1940 besetzen deutsche Truppen Dänemark unter Bruch eines Nichtangriffspaktes. Sie lassen den dänischen Staat, den König, seine Regierung, also die komplette Infrastruktur unangetastet, allerdings unter der Bedingung der Kooperation mit Hitlerdeutschland. Kaj Munk ist zutiefst empört, auch über die Anpassungspolitik der dänischen Regierung in den folgenden Jahren. Er wird zum schärfsten Kritiker der dänischen Kollaboration und zur Symbolfigur des Widerstands gegen die deutsche Besatzungsmacht. Seine Waffe ist das öffentliche Wort. Er ist davon überzeugt, dass die Dänen etwas tun müssten, um die Fremdherrschaft abzuschütteln. Er unterstützt mit Wort und Tat die Widerstandsbewegung, die Dänen aus dem gesamten politischen Spektrum von den Kommunisten bis zu den Radikal-Konservativen umfasst.

Als Im Herbst 1943 die Sabotageakte zunehmen, ordnen Hitler und Himmler als Gegenmaßnahme Terrormaßnahmen an. Zum Jahresende wird von Berlin aus ein SS-Spezialkommando in Marsch gesetzt, SS-Männer der Gruppe Skorzeny, die zuvor den Duce befreit hatte. Sie sollen in der dänischen Bevölkerung Angst und Schrecken auslösen und die Widerstandsbewegung einschüchtern. Sie haben konkret den Auftrag, bei Nacht und Nebel prominente Personen aus dem dänischen Widerstand zu ermorden. Einer der Namen: Kaj Munk. Am Abend des 4. Januar 1944 wird er in seinem Pfarrhaus verhaftet und Stunden danach am Rande der Reichsstraße 15 bei Silkeborg erschossen. Die Stimme des Widerstands sollte zum Schweigen gebracht werden. Aber die Stimme des Ermordeten wird fortan noch deutlicher und lauter als zuvor gehört. Eine Fülle von illegalen Flugblättern und Texten von dem und über den Märtyrer Kaj Munk kursieren bis zum Kriegsende im Untergrund und spornen den dänischen Widerstand an.

Freunde setzen später auf der Rabenhöhe bei Holstebro einen Gedenkstein mit der Inschrift „Kaj Munk starb am 4. Januar 1944 für sein Vaterland. Einige müssen sich opfern, damit andere leben können".

Am Rand der Reichsstraße 15 steht bei Hørbylunde Bakke, 4 Kilometer westlich vor Silkeborg, ein großes archaisches Kreuz aus Granit - ohne Inschrift, ohne Namen oder Jahreszahl. Aber jeder Däne weiß: An dieser Stelle wurde Kaj Munk erschossen. Stets stehen Blumen vor dem Kreuz. Das Volk kennt seine Heiligen.

Zur politischen Ausrichtung Kaj Munks

Der Dramatiker und Kolumnist Kaj Munk ist zu Lebzeiten und noch bis zum heutigen Tag umstritten wegen seiner politischen Gesinnung, der er sowohl in seinem schriftstellerischen Werk wie in seinem Journalismus deutlich Ausdruck gibt.

Er tritt als wortmächtiger Einzelkämpfer auf und gehört keiner Partei oder politischen Gruppierung an. Er ist Verkündiger und Künstler zugleich und fühlt in sich eine starke Berufung, das dänische Volk aufzurütteln und zu reformieren. Christliche Maßstäbe verbinden sich bei ihm mit einem antimodernen, absolutistischen Wertkonservativismus. Seiner politischen Überzeugung nach gehört er in das dänische radikal-konservative Spektrum, und das ist in jener Zeit demokratie- und sozialismus-kritisch, um nicht zu sagen: -ablehnend.

Kaj Munk ist als dänischer königstreuer Patriot niemals faschistisch oder gar nationalsozialistisch orientiert, wie ihm gewisse dänische Kreise von 1945 bis heute vorwerfen. Aber er vertritt einen romantischen Heroismus und erhofft sich Heil von der Herrschaft starker Führerpersönlichkeiten.

Den Parlamentarismus in seiner Ausprägung nach dem Ersten Weltkrieg sieht er als für die Entwicklung eines Volkes ungeeignet an. Er gibt dieser Überzeugung in Wort und Schrift deutlich Ausdruck. Dagegen sieht er in der gestaltenden Kraft von Mussolinis Faschismus in Italien einen geschichtlichen Ordnungsfaktor, den er als Modell für die Entwicklung auch Skandinaviens für wünschenswert hält. Auch die sich nach 1933 wirtschaftlich bessernden Verhältnisse in Deutschland unter Hitler scheinen ihm in dieselbe Richtung zu deuten. Kaj Munk ist der – ich muss leider sagen: naiven - Ansicht, dass aufrichtige und aufopferungsbereite Führergestalten mit Idealismus und Überzeugungskraft in ihren Völkern positive Entwicklungen in Gang setzen können.

Die weitere Politik Mussolinis und Hitlers lassen ihn auf kritische Distanz zu diesen beiden Diktatoren gehen. Er bleibt radikal-konservativ, sein Wertkonservativismus schlägt Alarm. Mussolinis Abessinienkrieg verurteilt er ganz und gar. Dem gibt er Ausdruck in dem Drama „Sejren“ („Der Sieg“). Der Duce ist eine der Hauptpersonen in dem Stück. Zu dem Stück existieren zwei Schlüsse: In dem ursprünglichen wird der Duce von seiner christlich-pazifistischen Frau getötet, die sich dann auch selbst tötet. Der Papst, ein frommer Mönch, kein Kirchenfürst, spricht ein ergreifendes Schlusswort. In der anderen Fassung erschießt Mussolini seine Frau und schnappt danach im Größenwahn über: Nun werde ihn, den Beherrscher der Welt, niemand mehr aufhalten, lautet sein triumphierendes Schlusswort. Dieses Schauspiel führt zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Rom und Kopenhagen.

Kaj Munk kommentiert in der Folgezeit auch die Entwicklung im Nachbarland Deutschland zunehmend kritisch. Hitlers unmenschliche Behandlung der Juden in Deutschland empört ihn zutiefst. Am 17. November 1938 - eine Woche nach dem reichsweiten Pogrom in Deutschland - erscheint in der Tageszeitung „Jyllands-Posten“ sein offener Brief an Mussolini. Darin beschwört Kaj Munk den Duce, Hitler von den Judenverfolgungen abzubringen, sie seien eines großen Kulturvolkes wie des deutschen unwürdig. Mussolini wird wahrscheinlich niemals von diesem offenen Brief erfahren haben. Der eigentliche Adressat des Briefes ist die dänische Öffentlichkeit. Munk artikuliert in ihm Abscheu und Entsetzen der Mehrzahl der Dänen gegenüber der „Reichskristallnacht“. Er sensibilisiert seine Landsleute auch durch sein politisches Theaterstück „Er sitzt am Schmelztiegel“ gegen Rassenideologie und Antisemitismus des großen Nachbarn im Süden. Im schleswigschen Grenzland erhebt sich daraufhin Protest dänischer Nazis und deutscher Zeitungen. Eine Nachwirkung des vieldiskutierten Stücks ist, dass sich die Dänen im Herbst 1943 dem deutschen Versuch widersetzen, das Land „judenrein“ zu machen. Sie retten ihre jüdischen Mitbürger fast vollständig nach Schweden hinüber.

Nach der Besetzung Dänemarks sollen nach Kaj Munks fester Überzeugung die Dänen jede Art von Kollaboration vermeiden, den Besatzern die kalte Schulter zeigen und sich stattdessen auf die eigenen Befreiungstraditionen besinnen, einschließlich der früheren gewaltsamen Beseitigung von Tyrannen, die das Land unterjochten.

Jedem Dänen ist damals die historische Gestalt des Freiheitshelden aus dem Mittelalter Niels Ebbesen bekannt. Der jütländische Großbauer ist sozusagen der “dänische Wilhelm Tell“. Dieser, ein durch und durch friedfertiger Mann, erschlug - trotz seiner Skrupel - am 10. April 1340 den Grafen Geert, einen holsteinischen Warlord, der sich ganz Skandinaviens bemächtigen wollte. Kaj Munk schreibt gleich nach dem deutschen Überfall im Frühsommer 1940 ein Bühnenstück darüber. Es wird, solange Dänemark besetzt ist, nicht aufgeführt. Aber 1942 erscheint es im Druck. Die gesamte Auflage soll am Erscheinungstag beschlagnahmt werden. Doch nur wenige Exemplare der Auflage in Höhe von 16.000 Stück fallen der Polizei in die Hände. Die übrigen “verteilt” die dänische Untergrundbewegung. Munk liest und interpretiert Teile des Schauspiels vom Herbst 1940 an in zahlreichen dänischen Städten und zur Verärgerung des deutschen Reichsbevollmächtigten Werner Best sogar vor dem dänischen König. Als er daran gehindert wird, finden sich viele andere, die diese Protestaktion fortsetzen und Lesungen des Freiheitsdramas veranstalten. In Vedersø wird „Niels Ebbesen“ heute noch von Zeit zu Zeit durch die Bevölkerung am See bei dem alten Pastorat aufgeführt.

Kaj Munk nimmt eine landesweite, aufreibende Vortragstätigkeit in Kirchengemeinden und Landvolk-Hochschulen auf. Er will durch sein Wort den Widerstandswillen seiner Landsleute stärken. Er wird jedoch darin immer mehr behindert. Der deutsche Geheimdienst überwacht ihn, der Kirchenminister bestellt ihn ein und rät ihm dringend zu unauffälligem Verhalten.

Zwei Kostproben aus seinen gedruckten (!) Predigten der Jahre 1941/42 dokumentieren unmissverständlich seine Aufrufe zum Widerstand:

„Verbrecher können die Macht über ganze Völker an sich reißen und alle bestehenden Werte umstürzen und so viel Schändlichkeiten und Leiden verursachen, dass der Tempelritter in uns aufgerufen wird. Und da geschieht es, dass wir Christi Wort als einen Befehl vernehmen: Hängt Mühlsteine um den Hals derer, die den Kleineren und Schwächeren ans Leben wollen.“

Oder: „Es gibt Mitmenschen, ... denen man am besten einen Dienst erweist, indem man sie totschlägt. Dies meine ich buchstäblich. Niels Ebbesen gegen den Grafen Geert zum Beispiel. Der kahlköpfige Graf hätte sich ein paar Jahre mehr Hölle erworben, wenn seine Verbrechen am 10. April 1340 nicht gestoppt worden wären. Und wenn es nicht aus Rücksicht auf den Grafen geschehen war, so war es doch eine barmherzige Samaritertat gegenüber dem mit Füßen getretenen, leidenden Volk. ... ‘Du sollst deinen Feind lieben’ bedeutet nicht: ‘Du sollst dich auf ihn einstellen und ihm recht geben.’ Ganz im Gegenteil. Du sollst ihn lieben, so dass du eher in sein Gesicht spuckst, als dass du das Verbrechen ihm gegenüber begehst, zu schweigen und ihn glauben zu lassen, dass du seine Vorhaben und Methoden billigst. Du sollst ihn lieben, weil er dein Mitmensch ist, aber du sollst ihn hassen in dem Maße, wie er das Böse ausübt und er um der Wahrheit willen, und nicht nur deinetwegen, dein Feind ist. ... Gottes Güte ist sanftmütig und geduldig, aber sie schließt nie mit dem Bösen einen Kompromiss.“

Ab 1943 ist es ihm fast nicht mehr möglich, etwas zu publizieren. Aber seine vaterländischen Gedichte und auch eine kleine Predigtsammlung, für deren Druck eigens ein Verlag gegründet und gleich wieder liquidiert worden war, und manch anderer Text laufen als Untergrundliteratur durch Dänemark. Buchhändlern wird verboten, seine Bücher auszustellen. Ein Einakter „Ewalds Tod“ wird als Werk seines Freundes Holger Gabrielsen gedruckt und sogar im Königlichen Theater aufgeführt. Kaj Munks Waffe ist und bleibt das Wort - am Ende nur noch das verkündigte Wort Gottes, seine Predigten. Er ist mit den Jahren begütert worden und unterstützt den bewaffneten Widerstand mit großen Summen und stellt sein abgelegenes weiträumiges Jagdareal für britische Fallschirmabwürfe von Waffen, Dynamit und Funkgeräten zur Verfügung. Im Herbst 1943 nehmen seine Frau und er einen jüdischen Jungen, den Sohn von Freunden, die in den Untergrund beziehungsweise nach Schweden abgetaucht sind, bei sich auf. Jeder in seiner Kirchengemeinde Vedersø weiß davon.

Zum schriftstellerischen Werk Kaj Munks

Der kleine Kaj ist unzweifelhaft sehr begabt, intelligent, wissbegierig und lerneifrig. Früh ist erkennbar, wie gut er mit seiner Muttersprache, mit den Worten, mit dem Klang und dem Rhythmus von Reimen umgehen kann.

„Ganz sachte kommt der Lenz gegangen,
bald wird der Sommer schimmernd prangen.
Der Vogel haust im grünen Hain,
er jubiliert tagaus, tagein.
Für uns nur singt er seine Weise,
und Gras und Blumen recken sich leise.
So können wir die Hoffnung hegen,
dass uns ein fruchtbar Jahr beschert
voll Sonn’ und voller Freud’ und Segen.

Dieses Gedicht und manche anderen eigenen Texte schreibt der neunjährige Kaj auf Packpapier aus dem örtlichen Konsum auf, als er zu Haus das Bett hüten muss und nicht zur Schule gehen kann.. Als Lehrer Wested seinen kranken Schüler besucht, ist er erstaunt und gerührt über dieses Gedicht, das in Aussage und Klang an Grundtvigs Choräle erinnert.

Schon als Schüler verfasst Kaj Munk beachtliche Texte: Kurzgeschichten, Choräle, Dramen. Zeitweilig überlegt er sogar, sein Theologiestudium in Kopenhagen abzubrechen und ausschließlich Schriftsteller und Dichter zu sein. Davon halten aber seine Eltern nichts, die ihm das Studium unter großen Opfern ermöglichen. So wird er Dorfpfarrer in Vedersø.

Er führt dort seine literarischen Arbeiten weiter. Im Jahre 1928 spielt das Königliche Theater in Kopenhagen erstmals sein grandioses Bühnenstück über Herodes den Großen: „Ein Idealist“. Die Inszenierung des stark und ungeschickt gekürzten Dramas überzeugt nicht. Es gibt nur wenige Aufführungen; danach verschwindet das Schauspiel vom Spielplan. Es gibt indes in diesem Zusammenhang eine kleine, für Kaj Munk bezeichnende Episode zu berichten: Nach der Premiere sollen Kaj Munk, der Regisseur, einige Schauspieler und andere Mitarbeiter des Theaters in einem Restaurant beisammen gesessen haben. Man habe Kaj Munk wegen seines Dramentextes viele lobende Worte gesagt und wollte ihn hochleben lassen. Da sei er erregt aufgesprungen und habe gerufen, aller Ruhm in Hinblick auf dieses Drama gehöre Gott allein. Man möge also gefälligst Gott loben und ihm die Ehre geben, aber nicht ihm, dem Menschen aus Vedersø.

Kaj Munk schafft dann den Durchbruch als anerkannter und gefeierter Dramatiker 1931 durch sein Schauspiel über Heinrich VIII, „Cant“.

In den folgenden Jahren wird er, der Dorfpfarrer, zum Erneuerer des skandinavischen Theaters. Im Jahre 1938 kann man in Kopenhagen auf verschiedenen Bühnen fünf seiner Schauspiele sehen. Die königliche Regierung ehrt ihn mit einem jährlichen Dichtersold. Er gibt das Geld zu je einem Drittel weiter: seiner Gemeindeschwester und der Armenkasse des Dorfes – und an einen Fond, der sich einsetzt für die Heimholung Südschleswigs in das Königreich Dänemark.

1925 verfasst Kaj Munk – er ist gerade ein Jahr im Pfarramt - auf Anraten des künstlerischen Beraters des Königlichen Theaters in Kopenhagen, Professor Hans Brix, ein Schauspiel, das das Leben der Menschen in den dänischen Dörfern dramatisiert. Bisher waren Bauern kein ernsthaftes Thema in der dänischen Bühnenliteratur, sondern kamen höchstens als tölpelhafte Randfiguren oder nur in Bauernschwänken vor. Munk überschreibt sein Stück zunächst so: „Im Anfang war das Wort – eine Legende aus unseren Tagen“. Auslöser bei ihm ist ein Geschehen, das ihn bis ins Mark erschüttert hatte: Er muss im November 1925 eine Bauersfrau, die im Kindbett verblutet ist, zusammen mit ihrem neugeborenen Kind beerdigen. „Ordet“, - „Das Wort“ thematisiert das absolut sinnlose Sterben, dass die Zurückbleibenden völlig hilflos macht, aber darüber hinaus die sozialen und kirchlichen Spannungen in einem jütländischen Dorf. Es handelt von Liebe und Wahnsinn und problematisiert Vernunft und Wunderglauben. Am Ende weckt ein von der Wahnvorstellung, er sei der wieder zur Erde zurückgekehrte Jesus von Nazareth, geheilter Theologiestudent seine tote Schwägerin wieder auf. Aber der Schauspieltext lässt offen, ob es wirklich eine Totenauferweckung war - oder man die Leichenschau auf dem Lande verbessern müsse.
Die Theaterleitung des „Königlichen“ weigert sich, das Schauspiel anzunehmen. Man könne solch ein mit christlichen Themen dicht gefülltes Theaterstück dem aufgeklärten, säkularen Hauptstadtpublikum nicht zumuten. Erst 1932 hat ein Kopenhagener Privattheater den Mut, das Stück aufzuführen. Diese Bühne steht kurz vor dem Bankrott. Aber „Das Wort“ wird ein sensationeller Erfolg. Es rettet das Betty-Nansen-Theater vor dem Untergang und löst große Diskussionen in der Öffentlichkeit aus. Ein Kritiker schrieb damals, harte Geschäftsleute in der dänischen Hauptstadt hätten sich danach über Glauben und Wunder ereifert und aufgetakelte Damen der feinen Gesellschaft sich schluchzend über Liebe, Sterben und die Existenz nach dem Tode ausgetauscht. Bereits im ersten Theaterjahr 1932/33 erlebt „Das Wort“ in Skandinavien insgesamt 582 Aufführungen (und immerhin im Winter 1934/35 sechs im Schweriner Staatstheater, übrigens in der Übersetzung von Erwin Magnus, einem deutschen Juden, der wenig später wie so viele andere ins Exil getrieben wurde). Das Textbuch hat bis 1962 neunzehn Auflagen mit 67.000 Exemplaren erreicht – ein höchst erstaunlicher Sachverhalt, weil Textausgaben von Schauspielen eigentlich im Buchhandel schwer gehen.

Der dänische Regisseur Carl Theodor Dreyer, Lehrmeister Ingmar Bergmanns, hat Munks Schauspiel mit filmischen Mitteln in seinem Film „Ordet“ interpretiert. Ein starker Dramentext fand einen kongenialen Regisseur! Dreyers Film zähle zu den ungefähr zehn wirklichen filmischen Kunstwerken, sagte mir eine Berliner Regisseurin und Theaterwissenschaftlerin.

Ich möchte an dieser Stelle einige grundsätzliche Hinweise zu Kaj Munk als Dramatiker geben: Gewöhnlich wird die Sprache seiner Bühnenwerke als expressionistisch charakterisiert. Mir will das nicht einleuchten, wenn ich Munks Texte mit anerkannt expressionistischen Werken vergleiche. Aber irgendwann stand das so in einem Theaterhandbuch und wird seitdem unbedenklich abgeschrieben.

Kaj Munk geht es um pralles, mitreißendes dramatisches Geschehen auf der Bühne. Er will einen Theaterstil des niedlich-gemütlichen Biedermeier oder der blutleeren blassen Gedankenspielereien, der damals auf den skandinavischen Bühnen gepflegt wird, radikal ablösen. Die Personen, die in seinen Stücken vorkommen, werden von ihm als lebendige, klar gegeneinander abgegrenzte Charaktere mit Stärken, Schwächen und Widersprüchlichkeiten gezeichnet. In meisterhaften Repliken prallen sie aufeinander; reißen die Zuschauer emotional mit und lösen intensive Diskussionen aus.

Das Schauspiel „Das Wort“ ist – wie die meisten anderen seiner Theaterstücke - ein starker Beleg dafür, dass Kaj Munk sich nicht nur als Pfarrer, sondern auch als Dichter dazu berufen wusste, eine zunehmend säkulare Umwelt mit Gott, mit dem lebendigen Christus zu konfrontieren.

Kaj Munks schriftstellerische, volkstümliche Produktion neben seinen mehr als zwanzig Bühnenwerken kann ich hier nur streifen: Ein Filmskript, Kinderbücher, seine Lebenserinnerungen bis zu dem Moment, als er erfährt, dass „En Idealist“ vom Königlichen Theater in Kopenhagen angenommen ist (viele Auflagen, auch nach dem Zweiten Weltkrieg, mit allein 600.000 dänischen Exemplaren!), patriotische Gedichte, Nacherzählungen des lukanischen Geschichtswerks (Evangelium und Apostelgeschichte) für eine besondere Ausgabe des Neuen Testaments, wiedergegeben von dänischen Dichtern.

Nicht außer Acht lassen kann ich seine Journalistik, seine Kolumnen in den dänischen Tageszeitungen, besonders in „Jyllands Posten“, der Zeitung, die wir von den Mohamedkarikaturen kennen. In elf Jahren veröffentlichte er mehr als 600 Artikel zu allen möglichen Themen aus Kirche, Kultur und Politik. Den offenen Brief an Mussolini habe ich bereits erwähnt. Die provozierenden, oft bis an die Grenze des guten Geschmacks gehenden Feststellungen Kaj Munks lösten oft lang anhaltende Kontroversen aus.

Zwei Kostproben: Kaj Munk ist entschiedener Gegner der damaligen dänischen Abtreibungsgesetzgebung. In einer adventlichen Betrachtung schreibt er, wenn es damals, als der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria die Gottesbotschaft überbrachte, sie werde ein Kind bekommen, im Land Palästina ähnliche Gesetze gegeben hätte, so wäre sie sogleich zu einem Frauenarzt gelaufen und hätte ihre Leibesfrucht abtreiben lassen. „Und“, so schließt Kaj Munk, „was wäre dann wohl aus unserer Erlösung geworden?“ Das lesen die Dänen und regen sich auf: So etwas schreibt ein Pastor.

Ein anderes Mal hat er das Werk eines ehemaligen Pfarrers aus Dithmarschen, Gustav Frenssen „Der Glaube der Nordmark“ zu rezensieren, das gerade auf Dänisch erschienen ist. Frenssen erklärt darin, die Behauptung einer Einheit Gottes mit dem Juden Jesus von Nazareth sei für den Glauben des „nordischen Menschen“ unannehmbar. Kaj Munk stellt klar:

„Was ist das Zentrale im Christentum? Nicht Golgatha, nicht der Versöhnungstod, nicht die Dreieinigkeit, nicht die Vergebung der Sünden, nicht die Jungfrauengeburt, nicht das Abendmahl. Das Zentrale im Christentum ist Jesus. Nicht weniger, nein, aber wahrhaftig auch nicht mehr ... Aber dieser Jesus war Nicht-Arier! Das müssen wir in der Tat zugeben. Als Gott seinen Sohn geboren werden ließ, konnte er dafür kein Herrenvolk mit der Anlage zum Größenwahn gebrauchen. Es ist groß, Arier zu sein, aber es ist doch noch größer, Mensch zu sein. ... Jesus war ein Jude, und ‘Sohn Davids’ und ‘Sohn des Menschen’ waren die zwei Würdenamen, die er so souverän miteinander vereinen konnte, dass zweitausend Jahre davor gekniet haben. (“Jyllands-Posten” vom 29. November 1936)

Ich kehre zum Schluss noch einmal zu einem Einakter zurück, der im Dezember 1943 in der Literaturzeitschrift „Bogrevy“ erscheinen sollte und als Sonderdruck im Untergrund seine Runde macht. Sein Titel „Vor Cannae“, sein Inhalt: Am Vorabend der berühmten Schlacht zwischen den Puniern und den Römern im Jahre 216 vor Christus, taucht der römische Feldherr Quintus Fabius Maximus vor dem Zelt Hannibals auf. Er versucht, dem Punier die Sinnlosigkeit der Vernichtung von Leben vor Augen zu führen und ihm Frieden anzubieten. Hannibal lehnt das Friedensangebot ab, weil er seines Sieges sicher ist.

„Vor Cannae“ ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert. Zum einen ist es das letzte Bühnenstück Munks mit einem offenkundigen politischen Hintergrund. Zum andern ist es einer der stärksten Dialoge aus seiner Feder.

HANNIBAL Dieses Mal wollt ihr mich also schlagen. Und deshalb kommst du, um mir den
Freundesrat zu geben ohne Kampf zu flüchten?
FABIUS Du hältst mich für einen alten Idioten. Du hast Recht; das bin ich ohne Zweifel.
Dasselbe glauben sie von mir zu Hause in Rom. Und das ist das Vertrauenerweckende an mir. Du, Hannibal, du bist ein Genie, das wird von uns allen anerkannt, und wir danken Jupiter dafür, dass du nicht bei uns geboren wurdest. Das schlimmste Schicksal, das ein Volk treffen kann, ist von einem Genie heimgesucht zu werden. Das Genie ist von der fixen Idee besessen, dass es mit uns Idioten fertig werden kann. Das kann es niemals. Deshalb ist es verloren.
HANNIBAL Kommst du zu mir, um mich zum Idioten zu machen?
FABIUS Was ist es eigentlich, was du willst? Rom ausrotten? Gut. Und was ist es, was Rom
will? Karthago ausrotten. Gut. Aber schau, ich ... was will ich? Ja, wer bin ich? Ich bin ein alter Mann, so alt, dass ich ein Mensch geworden bin. Ich bin so, dass ich, wenn ich auch in Rom wohne, doch meine, es sei ungefähr gleich wenig gewonnen, wenn die eine oder die andere der beiden Städte abgeschafft würde. Ich habe fünf Kinder und dreizehn Enkel. Ich liebe es, diese Kinder spielen zu sehen. Und ich bilde mir ein, dass Kinder in Karthago ungefähr in derselben Weise spielen wie Kinder in Rom. Das ist die eine Sache. Die andere ist, dass Rom Handel treiben soll, und Karthago soll auch Handel treiben. Ich will lieber mit einer Stadt handeln als mit einem Steinhaufen, wie bitte?
HANNIBAL Deine Argumente machen keinen Eindruck auf mich. Ich bin nicht verheiratet, ich
habe weder Kinder noch Enkel. …
FABIUS Hast du keine Kinder, kannst du welche bekommen. Und du bist wohl auch selbst
einmal Kind gewesen und hast gespielt.

Bereits in jungen Jahren hatte die Person des punischen Feldherrn Hannibal den Dichter fasziniert - so sehr, dass er vorhatte, ein Drama mit Hannibal als Hauptperson zu schreiben, in dem dieser als Held gegen das welterobernde und unterdrückende römische Imperium kämpft. In „Vor Cannae“ hat sich diese Charakteristik des Karthagers unter dem Eindruck der politischen Entwicklung in Europa und des Zweiten Weltkrieges doch ins Gegenteil verkehrt. Nunmehr ist Hannibal der Tod und Zerstörung symbolisierende Diktator und Rom der Hort von Humanität und Lebenswillen.

Man geht nicht fehl, in den beiden Heerführern, die hier einen Dialog führen, Winston Churchill und Adolf Hitler zu sehen. Kaj Munks historische und politische Schauspiele sind immer transparent auf das politische Gebot der Stunde. Wer Ohren hat zu hören, vernimmt diese Subtexte. In „Niels Ebbesen“ geht es um Kollaboration, Fraternisierung und gewaltbejahenden Widerstand im besetzten Dänemark. In „Vor Cannae“, verfasst nach der endgültigen Wende von Hitlers Schlachtenglück in Stalingrad, geht es um Beendigung eines sinnlos gewordenen Eroberungskrieges im modernen Europa.

Fabius verkörpert die englische Mentalität, die eine ruhige und friedliche Entwicklung anstrebt und trotz vieler Niederlagen eine Zähigkeit und Ausdauer besitzt. Sie sichert letztlich Sieg und Überleben jener humanen Werte, die das Kernstück christlichen Glaubens darstellen, den Kaj Munk mit seiner ganzen Persönlichkeit in seinem gesamten Schaffen immer wieder so stark und lebendig bezeugt hat. Hannibal hingegen repräsentiert den kalten von einer abstrakten Idee besessenen Eroberer, dessen Herrenvolk-Mentalität sich im Glauben an die eigene Erwähltheit und Einmaligkeit hochmütig über diese Werte hinwegsetzt.

Als Fabius Hannibal verlässt, ist er sich zwar bewusst, dass sein Heer am kommenden Tag geschlagen wird. Er ist aber auch gewiss, dass Hannibals Sieg den Keim der Vernichtung in sich trägt, weil am Ende die Kräfte der Erhaltung über die der Zerstörung obsiegen werden - weil das Leben immer wieder über den Tod triumphiert.

FABIUS … Hannibal, Phöniziens genialer Feldherr, ein alter Römer bietet dir seine Hand, sollten wir nicht der Welt Antwort geben?
Hannibal Ha!
FABIUS (erhebt sich abrupt; mit gänzlich veränderter Miene, beinahe jung, sagt er hart, knapp und kalt:) Dann kondoliere ich dir zu deinem morgigen Sieg.

Und seine Schritte hören sich an wie ein Heer auf dem Marsch.


Ich schließe mit einem Gedicht Kaj Munks, das die Dänen lieben und oft und gern singen, sogar diejenigen, die sich bis heute an ihm reiben und etwas an ihm auszusetzen haben, weil er an ihr schlechtes Gewissen rührt. Achten Sie auf den Subtext: so wie der Frühling kommt und die grimmige Herrschaft des Winters beendet, so gewiss kommt die Befreiung von der deutschen Besatzung.

Die blaue Anemone

1. Was war hier nur geschehen? / Mein hart wie Stein gefrornes Herz
schmilzt schon beim bloßen Sehen / am ersten Tag im März.
Was brach da durch das Wintergrau / und schmückt das schwarze Beet so blau,
als ob's im Himmel wohne? / Die kleine Anemone: / Ich pflanzt' sie da genau.

2. Ich hab sie mitgenommen / von Lolland, meinem Kindheitsort.
Als ich hierher gekommen, / dacht' ich: Nun bleibt sie fort.
Ihr fehlt die Heimat, Wald und Baum, / die laue Luft, der milde Raum;
in dieser Feindeszone / vergeht die Anemone; / das überlebt sie kaum.

3. Jetzt seh ich sie sich wiegen / im kalten Wind vom nahen Strand.
Sie lässt sich nicht besiegen / von Jütlands Kies und Sand,
als gäbe ihr die Widrigkeit / nur eine größ're Sicherheit:
Wie eine Amazone / steht meine Anemone / und ist zum Kampf bereit.

4. Was ist hier nur geschehen? / Mein kalt und hart gefror'nes Herz –
es schmilzt beim Wiedersehen / am ersten Tag im März.
Ich dachte: "Hier ist ewig Schluss / mit Freude!", da ich wohnen muss
vor Winterkönigs Throne. / Nun schickt die Anemone / mir einen frohen Gruß.

5. Die blauen Blütenblätter / sind mir des Frühlings Täuflingskleid,
sind mein willkomm'ner Retter / aus Hoffnungslosigkeit.
Ich bücke mich und streichle sacht / die neue zarte Blütenpracht.
Wie hat dich mir zum Lohne, / du kleine Anemone, / der Schöpfer schön gemacht!

Kaj Munk 1943 - Melodie: Egil Harder 1945 - deutsche Nachdichtung: Christian Hartung 2009


Paul Gerhard Schoenborn, 12. Juli 2010